Berlin

Konflikt zwischen Drogerieketten eskaliert

Mitarbeiter von dm kaufen beim Konkurrenten Rossmann viele Waren auf, um diese in eigenen Märkten zum Verkauf anzubieten

Berlin.  Wozu benötigt eine Person 28 Flaschen Perwoll-Feinwaschmittel, 75 Packungen Guhl-Shampoo und 25 Fläschchen Odol-Mundspülung? Das fragten sich vor einigen Tagen die Mitarbeiter einer Rossmann-Filiale im nordrhein-westfälischen Bedburg-Hau und stoppten eine Kundin, die einen Einkaufswagen voll beladen mit diesen Waren zur Kasse schob.

Der Verdacht: Die Kundin ist gar keine echte Kundin, sondern wurde vom Konkurrenten dm auf Schnäppchenjagd geschickt, um die billige Ware anschließend bei dm in die Regale zu stellen. Später wird diese auf ihrer Facebook-Seite schreiben, sie habe sich „gedemütigt“ gefühlt, wurde „im Laden bloßgestellt“. Sie habe doch nur bei aktuellen Angeboten zuschlagen wollen, „ohne böse Hintergedanken“. Sogar Anzeige wegen Beleidigung erstattet sie.

dm will „günstige Einkaufsquellen nutzen“

Es ist der vorläufige Höhepunkt eines bizarren, Monate andauernden Handelstreits zwischen den Drogeriemärkten Rossmann und dm. Rossmann teilte mit, man habe ähnliche Einkaufstouren von dm-Mitarbeitern mittlerweile in Hunderten Filialen beobachtet, meist in kleinerem Umfang. Auch in Bedburg-Hau habe man das dm-Kaufschema erkannt. Außerdem kenne man die Mitarbeiter der benachbarten dm-Filialen.

Die dm-Konzernführung steht zu den Fremdeinkäufen bei der Konkurrenz. Bereits im November bestätigte sie, dass dies zur Unternehmensstrategie gehöre. Und sie geht dabei professionell vor: Die Mitarbeiter der Filialen bekommen genaue Anweisungen, wann und wo es günstige Ware zu kaufen gibt und wie sie dabei vorgehen sollen. In einem Schreiben an die Mitarbeiter, das dieser Zeitung vorliegt, heißt es etwa „verhalten Sie sich wie ein normaler Kunde“ und „nutzen Sie 10-%-Coupons der Mitbewerber“.

Christoph Werner, Sohn von dm-Gründer Götz Werner und Geschäftsführer für den Bereich Marketing bei dm erklärte, es gehe darum, eine zusätzliche günstigste Einkaufsquelle für den Markt zu nutzen. Dies könnten auch Wettbewerber sein, „wenn diese Artikel unseres Sortiments zu einem Preis anbieten, der unter unserem Einkaufspreis beim Hersteller liegt“. Allerdings, fügt Werner an, würde die Geschäftsleitung die Mitarbeiter dazu nicht ‚auffordern‘ oder ‚anweisen‘“. Für den Handelsexperten der Universität Duisburg-Essen, Hendrik Schröder, ist das Vorgehen nicht ungewöhnlich: „Das gibt es schon seit Jahrzehnten vor allem im Lebensmittelhandel, aber auch im Parfümhandel, bei Elektro- und Sportartikeln.“ Rechtlich sei dagegen kaum etwa einzuwenden. Allerdings – Hamsterkäufe dürfen untersagt werden. In vielen Supermarktketten gibt es die Anweisung, Produkte nur in haushaltsüblichen Mengen zu verkaufen, also etwa so viel, wie eine Familie mit zwei Kindern pro Woche im Schnitt verbraucht. Schließlich sollen nachfolgende Kunden nicht vor leeren Regalen stehen.

Derzeit wird in einigen Drogeriemärkten etwa verstärkt auf den Verkauf von Milchpulver für Babys geachtet. Seit es in China einen Milchskandal gab, horten viele Chinesen die Produkte und verkaufen sie teuer in die Heimat. Insbesondere aber bei Aktionsangeboten müssen die Händler darauf achten, dass genügend Ware vorrätig ist, sagt Schröder. „Der Handel ist bei Sonderangeboten dazu verpflichtet, Waren für eine Nachfrage von etwa zwei Tagen vorrätig zu halten“, erklärt er. Wenn nun alles aus den Regalen geräumt würde, könne der Vorwurf entstehen, dass die Kunden unrechtmäßig in den Laden gelockt wurden.

Genau das ärgert auch Konkurrent Rossmann. Die dm-Einkäufe könnten das Geschäft schädigen, wenn sie dazu führen, dass Aktionsware aufgekauft wird, heißt es von Rossmann. Hinzu kommt: Bei den Rabattaktionen handele sich immer um eine Mischkalkulation. Werbeangebote rentieren sich für das Unternehmen nur, weil man davon ausgeht, dass Kunden weitere Artikel zu regulären Preisen kaufen. Doch genau das tun die Einkäufer der Konkurrenz natürlich nicht. Dm weist die Kritik von sich. Man gehe davon aus, dass die Wettbewerber nicht unter Einstandspreis verkaufen, sagt Werner. Daher glaube man nicht, dass Wettbewerber Nachteile in Kauf nehmen müssen. Aufregung will man mit den Fremdeinkäufen ohnehin vermeiden: „Unsere Empfehlung an die Kollegen beinhaltet auch den Hinweis, den Geschäftsbetrieb nicht zu stören“, sagt Werner. Die dm-Mitarbeiterin jedenfalls hat ihre Anzeige mittlerweile zurückgezogen.