Frauenquote

Familienministerin Schwesig: „Die Frauenquote wirkt“

Der Anteil weiblicher Führungskräfte in Aufsichtsräten steigt auf 27,5 Prozent. Frauenministerin Schwesig spricht von „Kulturwandel“.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) zieht eine positive Bilanz nach einem Jahr Frauenquote.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) zieht eine positive Bilanz nach einem Jahr Frauenquote.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Berlin.  Die gesetzliche Frauenquote hat im ersten Jahr die erhoffte Wirkung gezeigt. Seit Januar 2016 stieg der Frauenanteil in Aufsichtsräten der zur Quote verpflichteten Unternehmen von 23,3 auf 27,5 Prozent. Dabei handelt es sich um Firmen, die sowohl börsennotiert als auch mitbestimmungspflichtig sind – insgesamt 106 Betriebe und damit eine kleine Gruppe.

Bei Neubesetzungen in ihren Aufsichtsgremien müssen diese Unternehmen darauf achten, dass Frauen zum Zuge kommen; ihr Anteil soll wachsen und der Zielgröße von letztlich mindestens 30 Prozent näher kommen. Bereits bei der nächsten Welle der Aufstellung von Aufsichtsräten dürfte diese Zielmarke erreicht werden.

Mehrere Unternehmen haben 30-Prozent-Ziel erreicht

Wie aus dem ersten Regierungsbericht „zu Frauen in Führungspositionen“ hervorgeht, strahlt die Quote häufig auch in das gesamte Unternehmen hinein. Denn: Rund 97 Prozent der Firmen setzten sich auch Zielgrößen für den Frauenanteil in der ersten Führungsebene unterhalb des Vorstands.

Von einem „Kulturwandel“ spricht Frauenministerin Manuela Schwesig. „Es tut sich was, es hat sich etwas bewegt“, sagte die SPD-Politikerin unserer Redaktion, „wir haben mehr Frauen in Führungspositionen“. Schwesig ist überzeugt: „Die Quote wirkt.“

Für die Unternehmen, die das Gesetz in die Pflicht nimmt, gab es bei Änderungen im Aufsichtsrat 2016 faktisch nur die Alternative: entweder ein leerer Stuhl oder eine Frau. Die Idealvorstellung der Gleichstellungspolitiker ist, dass die Quote für die gesamte deutsche Wirtschaft eine Wirkung entfalten wird, wie die Hefe im Teig.

Schwesig: „Die anderen werden nachziehen“

Schwesig zieht aus zwei Gründen eine überwiegend positive Bilanz. Zum einen haben alle Unternehmen, die eine feste Quote erreichen mussten, sich in diesem Jahr an dem Ziel orientiert. Die Posten wurden „durchgehend mit einer Frau nachbesetzt, wenn noch keine 30 Prozent erfüllt waren“, erläutert die Ministerin. „Viele haben die Quote bereits erfüllt. Die anderen werden nachziehen“, glaubt sie.

Zum anderen verpflichtet das Gesetz alle Unternehmen, die entweder nur börsennotiert oder der Mitbestimmung unterliegen, wenigstens Zielgrößen für ihren Frauenanteil zu fixieren. Das ist dann keine gesetzliche, sondern quasi eine betriebsinterne Quote. Man geht davon von, dass 3.500 bis 4.000 Unternehmen betroffen sind. Nur die Ergebnisse und Erfahrungen in einem kleinen Teil von ihnen konnten auch schon in den Regierungsbericht einfließen.

Diese Firmen müssen nach dem Gesetz darlegen, welchen Frauenanteil sie innerhalb einer bestimmten Frist (maximal fünf Jahre) in den Aufsichtsräten und Vorständen erreichen wollen. Genau das setzten fast drei Viertel der Unternehmen bereits im ersten Jahr um. 23,2 Prozent von ihnen haben sich einen Frauenanteil von 30 Prozent oder mehr vorgenommen. 57,1 Prozent haben sich eine Quote gesetzt. Eine Quote von null Prozent kann übrigens auch ein Ziel sein.

Der Bund setzt die Vorgaben bislang am stärksten um

Noch besteht ein signifikanter Unterschied bei der Besetzung von Aufsichtsräten und Vorständen, für die keine Quote gilt. Der Anteil von Frauen in den Vorständen, wo das operative Geschäft geleitet wird, liegt seit Jahren in der Gesamtwirtschaft nur leicht über fünf Prozent. Selbst bei den 160 größten Unternehmen kommt man nur auf einen bescheidenen Frauenanteil in der Vorstandsetage von 6,5 Prozent. „Auf der Vorstandsebene bewegt sich noch zu wenig“, stellt der Bericht fest, den das Bundeskabinett demnächst verabschieden soll.

Dass der Bund mit gutem Beispiel vorangehen würde, durfte man vermuten. Tatsächlich sind bereits 32,6 Prozent der Vorgesetzten in den Bundesbehörden weiblich. Aber: Leitung ist eben nicht gleich Leitung. In den unteren Leitungsfunktionen sind mehr Frauen vertreten als in den höheren. „Besonders stark“ sei die Diskrepanz zwischen Referats- und Unterabteilungsleitungen, heißt es im Bericht. 35 Prozent der Referate werden von Frauen geführt, aber nur 23 Prozent der Unterabteilungen. In privatwirtschaftlichen Unternehmen, an denen der Bund beteiligt ist, sind unterdessen bereits 33 Prozent der vom Bund zu bestimmenden Mitglieder in den Aufsichtsräten dieser Betriebe weiblich.

Größter Frauenanteil in Thüringen

Der Bericht geht nicht nur auf die Unternehmen ein, die zur festen Quote verpflichtet sind, sondern beleuchtet auch die Gesamtsituation. Prozentual am stärksten sind Frauen in den Aufsichtsräten im Gesundheits- und Sozialwesen – 25 Prozent – vertreten, gefolgt von der Verkehrsbranche (23,2 Prozent) sowie den Banken und Versicherungen (21 Prozent). Die Banken und Versicherer sind auch deshalb eine Vorzeigebranche, weil ihre absoluten Zahlen relevant sind: Insgesamt stellen sie 475 Aufsichtsräte, darunter sind 100 Frauen. Den größten Frauenanteil weist regional Thüringen (25 Prozent) auf, gefolgt von Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. In Thüringen bezieht sich der Bericht allerdings auf 20 Aufsichtsräte, fünf davon Frauen. Zum Vergleich: In NRW geht es um 592 Posten, davon sind 116 weiblich besetzt.

Fakt bleibt aber auch, dass bislang nur eine Frau den Aufsichtsrat eines Dax-Konzerns leitet: Simone Bagel-Trah ist seit 2009 Aufsichtsratsvorsitzende bei Henkel.