Arbeitswelt

Wie die Siemens-Personalchefin die Zukunft der Arbeit sieht

Siemens-Personalchefin Janina Kugel sieht die Arbeit im Wandel: digitaler, flexibler und teamorientierter werden die Jobs ausgeführt.

Die Art, wie wir arbeiten, wandelt sich gerade sehr schnell. Sie wird flexibler und digitaler, wie Janina Kugel, Personalvorstand von Siemens, sagt.

Die Art, wie wir arbeiten, wandelt sich gerade sehr schnell. Sie wird flexibler und digitaler, wie Janina Kugel, Personalvorstand von Siemens, sagt.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Ein ganz normaler Reparaturauftrag: Eine Siemens-Gasturbine läuft nicht so rund, wie sie laufen sollte. Üblicherweise schickt die Energiesparte dann ein Team zum Kunden, das das Problem behebt. Aber was tun, wenn die Turbine in Libyen steht, einem Land, das zu den gefährlichsten der Welt gehört?

Die Antwort zeigt, wie sehr sich die Arbeitswelt derzeit ändert, nicht nur beim größten deutschen Industriekonzern. Vereinfacht sah die Lösung so aus: Weil kein Techniker nach Libyen reisen konnte, hat der Konzern Ersatzteile geschickt und eine Art Spezialbrille. Die trug der libysche Techniker während der Reparatur. So bekamen die Kollegen in Berlin ein Bild von der Turbine und lenkten den Techniker vor Ort durch die Reparatur.

Beschäftigte lernen ununterbrochen

Mehr Computer, mehr Digitalisierung und vor allem mehr Flexibilität zeichnen die sogenannte Arbeit 4.0 aus. Immer mehr Technik hält Einzug, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab. Das verändert die Berufsbilder – und es verändert das Lernen. „Die Zeiten, in denen man mit Anfang 20 einen Beruf gelernt hat und dann 45 Jahre später aufhört und immer noch das Gleiche macht, sind vorbei“, sagt Siemens-Personalvorstand Janina Kugel. Heutzutage lernten die Beschäftigten ununterbrochen.

Die Fernwartung mit Spezialbrille ist ein Fall, 3D-Druck ein anderer. Die Technik steht noch am Anfang, bietet aber große Möglichkeiten, schließlich lassen sich jetzt auch komplizierte Teile drucken, die mit klassischer Technik nicht hergestellt werden können. Erkenntnisse darüber, wie sich die Arbeit verändert, fließen bei Siemens auch in die Ausbildung ein. Grundsätzlich gilt: „Die Kompetenzen werden digitaler, andere fallen weg“, sagt Kugel. Und das vernetzte Denken, Zusammenarbeit mit anderen über Fach- und Unternehmensgrenzen hinweg, werde zunehmen.

„Der Weißhaarige kann auch Lernender sein“

Das Lernen an sich verändert sich auch: Gaben früher die Älteren ihr Wissen an die Jüngeren weiter, ist es inzwischen vielfach auch umgekehrt. „Der Weißhaarige kann auch Lernender sein“, sagt Kugel. Und der Stoff wird anders vermittelt: Bei Siemens besuchten in diesem Jahr rund 100.000 Mitarbeiter Präsenzkurse, um sich fortzubilden, rund 650.000 nutzten die digitale Lernplattform. Etwa 500 Millionen Euro gibt der Konzern in jedem Geschäftsjahr für Aus- und Fortbildung aus.

In extremer Form testet Siemens die Kombination aus neuer und alter Arbeitswelt im Eisenbahnwerk in Allach. Dort treffen Daten- und Computerspezialisten auf die klassischen Facharbeiter im Blaumann, die schwere Lokomotiven bauen. „Die halten das gut aus, auch mit viel Spaß“, sagt Kugel. Und sie entwickeln neues Geschäft, „Projekte, von denen man vorher nicht wusste, dass man sie machen kann.“

Plötzlich entsteht ein neues Geschäft

Etwa die mit den Zügen: Die Züge senden große Datenmengen – von Sensoren an Motor, Federung, Bremsen. Und die gilt es geschickt auszuwerten – und womöglich die Sensorik zu verbessern. Dann entsteht plötzlich ein neues Geschäft, wie bei der Hochgeschwindigkeitsstrecke Barcelona-Madrid. Dort garantiert Siemens zusammen mit dem Betreiber die Pünktlichkeit bis auf 15 Minuten und erstattet den Fahrpreis, sollten es mehr sein. Dank Sensorik können Gleise und Fuhrpark so gewartet werden, dass es nicht zum Zugausfall kommt und sich das Projekt für Siemens rechnet. Und weitere Kunden interessiert sein könnten.

Die neue digitale Arbeitswelt, die stark auf Flexibilität und Teamarbeit setzt, bringt vor allem auch mehr Kommunikation mit sich – für viele ein Problem. Einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB zufolge hat sich die Arbeitsbelastung bei 46 Prozent der Menschen erhöht. Viele sehen den Feierabend in Gefahr – wegen der ständigen Erreichbarkeit dank Smartphones, die auch Mails nach der Arbeitszeit empfangen.

Abschalten des Mail-Servers hilft nur kurz

Bei VW etwa setzte der Betriebsrat deshalb bereits 2011 durch, dass der Mail-Server für Smartphones abends abgeschaltet wird, damit die Mitarbeiter nicht auch dann noch an die Firma denken. Kugel hält davon nichts. „Arbeit 4.0 bedeutet vor allem auch Flexibilität.“ Natürlich sei das sicher für den einzelnen eine Herausforderung, zu sagen, er oder sie sei jetzt nicht erreichbar“, sagt sie. „Deshalb müssen wir den Leuten beibringen, wie sie sich vor Überforderung schützen können.“

Denn dass sich die Arbeit wandelt, lässt sich nicht aufhalten. Insofern hilft das Abschalten des Mail-Servers nur auf sehr, sehr kurze Sicht. Kugel selbst arbeitet gern auch am späten Abend noch Mails ab, weil sie sich vorher Zeit für die Familie nimmt. „Ich erwarte aber nicht, dass mir jemand um 23 Uhr noch eine Mail beantwortet“, sagt sie.

Wenn der Lagerroboter übernimmt

Der Wandel betrifft auch die Arbeitsplätze an sich. Einige werden weiterhin einen festen Arbeitsplatz haben: CAD-Ingenieure, die viele Schirme brauchen für die Entwicklung von Teilen am Computer. Und auch in der Produktion wird es feste Plätze geben, allerdings weniger in dem Maße, in dem der Computer mehr Aufgaben übernimmt. „Flexibilität kommt hier vor allem durch das Schichtsystem“, sagt Kugel. Wobei eine feste Arbeitszeit etwa von 9 bis 17 Uhr in der Industrie auch immer seltener wird.

„Typischerweise denken wir bei Digitalisierung ja, dass es den klassischen Büroangestellten trifft, der vom Computer ersetzt wird. Das ist aber nicht so“, sagt Kugel. Siemens hat sich an einem am Unternehmen Magazino beteiligt, dass einen Lagerroboter entwickelt. Der ist vollgestopft mit Sensoren und lernt über künstliche Intelligenz. Schrauben kann der Roboter noch nicht unterscheiden und greifen, Bücher allerdings schon. Was einfach klingt, ist für eine Maschine ein großer Schritt vorwärts. Und der Roboter könnte einmal Staplerfahrer und Lagerarbeiter ersetzen.

„Jeder muss in Netzwerken arbeiten“

Der Wandel zwingt auch Chefs umzudenken. Dass Führungskräfte nur mit ihresgleichen und direkten Untergebenen reden, hält Kugel für ein Relikt vergangener Zeiten. „Das hat mit Schnelligkeit nichts mehr zu tun“, sagt sie. „Jeder muss in Netzwerken arbeiten, in denen die Menschen sind, die man braucht, um bestimmte Dinge zu lösen. Und die Menschen mit den besten Ideen werden sie nicht finden, wenn sie nur hierarchisch arbeiten.“

Eine Möglichkeit, kreative Ideen und Menschen auch von außen zu finden, sind „Hackathons“, auf denen Programmierer weltweit einen Tag lang Ideen entwickeln. Oder interne Soziale Netze, auf denen alle Mitarbeiter Ideen für ein Problem einbringen können. „Ich muss dann aushalten, dass es manchmal länger dauert, wenn das Team etwas löst, als wenn ich das entscheide“, sagt Kugel. Andererseits ließe sich das Ergebnis dann einfacher umsetzen, weil alle daran beteiligt waren. Und die Zufriedenheit der Mitarbeiter steige.

Gute Schweißer sind inzwischen schwer zu bekommen

Mehr Digitalisierung und mehr Flexibilität wird aber ein Grundproblem der deutschen Wirtschaft nicht lösen: den Fachkräftemangel. In den kommenden Jahren wird die Bevölkerung schrumpfen, immer weniger junge Menschen kommen nach. Trotz vieler politischer Ideen, steigt die Geburtenrate in Deutschland nicht nennenswert. Im November waren bei der Bundesagentur für Arbeit 681.000 offene Stellen gemeldet.

Siemens als internationaler Technologiekonzern hat Vorteile mittelständischen Unternehmen gegenüber, merkt aber auch, dass es schwieriger wird, Stellen zu besetzen. Softwareingenieure seien überall gefragt, sagt Kugel. Dass es aber auch schwer sei, gute Schweißer zu finden, sei nicht so bekannt.

Um das Problem zu lösen ist für Kugel zwingend, vor allem Frauen ihren Qualifikationen gemäß einzusetzen. Da gebe es großes Potenzial. Zudem brauche das Land eine aktive Einwanderungspolitik. Die sei bisher eher ein Desaster. „Wir treten da momentan eher auf der Stelle.“