Drohnen

Warum der Boom privater Drohnen so gefährlich ist

400.000 private Drohnen gibt es in Deutschland. Der Chef der Deutschen Flugsicherung fordert eine Registrierungspflicht für die Geräte.

Als Weihnachts-Geschenke haben die Deutschen weitere 100.000 Drohnen gekauft – für Flugzeuge werden sie im Luftraum immer öfter zum Sicherheitsproblem.

Als Weihnachts-Geschenke haben die Deutschen weitere 100.000 Drohnen gekauft – für Flugzeuge werden sie im Luftraum immer öfter zum Sicherheitsproblem.

Foto: Sascha Fromm / Thueringer Allgem / WAZ FotoPool

Berlin.  Drohnen werden bei Privatpersonen und kommerziellen Nutzern immer beliebter. Allein zu Weihnachten werden in Deutschland 100.000 der Flugobjekte verschenkt. Das stellt die Deutsche Flugsicherung DFS vor Probleme, denn die Zwischenfälle häufen sich. DFS-Chef, Klaus-Dieter Scheurle, über den gefährlichen Drohnen-Boom.

Herr Scheurle, an Weihnachten werden wieder Tausende Drohnen unter den Christbäumen liegen. Graut Ihnen davor?

Klaus-Dieter Scheurle: Überhaupt nicht. Wenn man sie vernünftig nutzt, sind Drohnen nicht gefährlich. Ich finde Drohnen gut, sie machen Spaß, sie können Nutzen bringen. Drohnen werden eine Erfolgsgeschichte. Derzeit werden rund 400.000 in Deutschland genutzt. Beim diesjährigen Weihnachtsfest werden mindestens 100.000 Drohnen verschenkt, schätzen wir. Im Jahr 2020 sprechen wir schon von mehr als einer Million Drohnen in Deutschland.

Steigt mit jeder verkauften Drohne die Gefahr eines Unfalls am Himmel?

Das hängt von der Größe der Drohne ab. Bei einem Spielzeug-Gerät von 200 Gramm ist das Gefährdungspotenzial eher gering. Wenn allerdings eine große Drohne von fünf Kilogramm aufwärts mit einem startenden oder landenden Flugzeug kollidiert, kann es durchaus gefährlich werden. Wir haben in diesem Jahr bereits 63 Behinderungen durch Drohnen registriert, die von Piloten gemeldet wurden. Im vergangenen Jahr waren es nur 15. Wenn die Zahl der Vorfälle weiter steigt, ist es eine Frage der Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwann tatsächlich zu einer Kollision kommen könnte. Beispielsweise durch Unwissenheit eines Drohnen-Piloten oder durch missbräuchliche Nutzung eines unbemannten Fluggerätes. Wir haben also Handlungsbedarf. Wichtig ist aus unserer Sicht ein abgestufter Drohnen-Führerschein: Für Modelle ab einem Gewicht von 250 Gramm einen Kenntnisnachweis und für größere Drohnen einen Führerschein. Das ist unser Ansatz.

Was sagen die Zahlen über die Dunkelziffer aus?

Ein Beispiel kann die Dimension, mit der wir es zu tun haben, veranschaulichen: Wir hatten im vergangenen Jahr an sonnigen Tagen etwa 125 Anmeldungen für Drohnenflüge am Tempelhofer Feld in Berlin. Wir gehen davon aus, dass an diesen Tagen aber bis zu 1.000 Drohnen in der Luft waren. Die von der Bundesregierung geplante Kennzeichnungspflicht von Drohnen mit Namen und Adresse ist ein erster Schritt. Dies allein wird aber in Zukunft nicht ausreichen, um mehr Sicherheit herzustellen.

Was fordern Sie konkret?

Wir brauchen klare Regeln für die Nutzung von Drohnen. Es gibt zwar heute bereits Regeln, dass in den An- und Abflugbereichen großer Flughäfen und im Umkreis von 1,5 Kilometern um einen Flughafenzaun keine Drohne fliegen darf. Das beachtet oder weiß anscheinend nicht jeder Drohnenpilot. Es handelt sich keinesfalls um ein Kavaliersdelikt und sämtliche Beteiligte weisen immer wieder darauf hin. So auch wir. Wer die Gefahr einer Kollision mit einer landenden Passagiermaschine in Kauf nimmt, kann angeklagt und auch verurteilt werden. Und was schwerer wiegt: Drohnen sind auf dem Radarschirm unsichtbar. Wir müssen sie aber sehen können, denn nur eine Standortbestimmung ermöglicht überhaupt eine Warnung der Piloten oder Drohnenabwehr. Deshalb arbeiten wir im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojekts mit der Telekom an Möglichkeiten zur Drohnenortung mithilfe der Mobilfunktechnik.

Was ändert sich denn, wenn Drohnen so sichtbarer werden?

Die Sichtbarkeit ist die Grundlage für viele weitere Überlegungen, zum Beispiel ein System zur sicheren Verkehrsführung. So können wir sehen, wer gegen Regeln verstößt und dafür belangt werden kann. Das sorgt für einen enormen Sicherheitsgewinn und für einen Abschreckungseffekt. Erforderlich ist dazu aber auch eine Drohnen-Registrierungspflicht.

Ist das sogenannte Geofencing, also elektromagnetisch erzeugte Zäune, die eine Drohne stoppen können, auch ein Thema für Flughäfen?

Ich denke schon. Das ist eine sinnvolle Technik, bei der die Datenbasis von besonderer Bedeutung ist: Diese „Zäune“ müssen, zumindest was unsere Kontrollzonen und andere besondere Lufträume angeht, genau definiert werden. Wir wollen demnächst einen Modellversuch starten.

Warum gibt es keine Registrierungspflicht für Drohnen in Deutschland – aber in anderen Ländern wie Belgien, den Niederlanden oder Österreich?

Wir halten eine solche Registrierungspflicht für sinnvoll. Für eine faire und sichere Integration unbemannter Fluggeräte in den Luftraum ist sie unverzichtbar. Wir müssen Regularien, Technologien und Verfahren einsetzen, damit Transport- und Hobbydrohnen nicht unkontrolliert durch die Luft fliegen. Jeder Handynutzer hinterlegt seine Daten, der Aufwand beim Drohnenkauf kann also nicht so groß sein. Diese Themen sind jedoch längst beim Gesetzgeber angekommen: Der Verkehrsminister hat erkannt, dass sich etwas tun muss.

In welchen Bereichen werden wir denn kommerzielle Drohnen künftig sehen?

So wie bisher für fotografische Zwecke, aber auch für Sicherheitsmaßnahmen. Drohnen können Zäune, Pipelines, Bahnstrecken, Straßen und Hochspannungsleitungen abfliegen. Es gibt Projekte zum Transport von Blutkonserven und eiligen Medikamenten, Einsatzgebiete in der Archäologie und viele weitere Aufgaben – es ist insgesamt ein ungeheuer dynamischer Markt.

Und bald heißt es: Mein Auto, mein Smartphone, meine Drohne?

Das bringt die Sache auf den Punkt. Denn ganz klar bringt die Drohne Nutzen und Spaß – wie das Handy. Beim Mobilfunk war es doch so: Als zehn Prozent der Bevölkerung ein Handy hatten, wollten es die anderen 90 Prozent auch haben. Da ging der Boom los. Bei den Drohnen wird es vergleichbar verlaufen. Andererseits ist genau das ein Problem: Die Drohne wird als elektronisches Spielzeug angesehen und nicht als Luftfahrzeug. Sie ist es aber!