Berlin

Großbaustelle Bahn

Der Tarifkonflikt ist beigelegt, jetzt muss der Konzern eisern sparen. Heute tagt der Aufsichtsrat

Berlin. Zumindest ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk kann Personalvorstand Ulrich Weber dem Aufsichtsrat zur heutigen Sitzung präsentieren. Nach tagelangen Ver­hand­lungen einigte sich der Konzern mit der Eisenbahn-Verkehrsgewerkschaft (EVG) auf einen neuen Tarifvertrag. Dieser dürfte nicht nur weit über die 150.000 Tarifbeschäftigten hinaus wirken, sondern auch Bahnreisenden Streiks vor Weihnachten ersparen.

Erstmals haben die Beschäftigten die Wahl zwischen mehr Lohn, zusätzlichen Urlaubstagen oder weniger Arbeit. Unter dem Strich erhalten die Bahner gut fünf Prozent mehr Lohn über zwei Jahre verteilt. Für die Azubis holte die EVG sogar einen zweistelligen Zuwachs heraus. „Das ist ein Abschluss mit Signalwirkung“, betonte Weber. Und die Gewerkschaft EVG sieht es genauso. Auch die Lokführer, die noch mit der Bahn verhandeln, wollen über die Feiertage stillhalten. Weber kann seinerseits mit einem Präsent rechnen: Sein Vertrag wird verlängert.

Das war es schon mit der Ruhe im Konzern, der in einem neuerlichen Umbau steckt. Die weiteren Themen des Aufsichtsrates sind spannungsgeladener. So soll Ex-Kanzleramtsminister Roland Pofalla ab Januar zusätzlich Infrastrukturvorstand werden. Er ist damit nicht nur für politische Themen, sondern auch für das Schienennetz und die Bahnhöfe zuständig.

Damit positioniert sich der frühere CDU-Politiker zugleich als wichtigster Kandidat für die Nachfolge von Bahnchef Rüdiger Grube. Kritik an dieser Personalie kommt nicht nur von den politischen Gegnern Pofallas. Auch die Bahn-Wettbewerber sind sauer. Sie fürchten eine mögliche Diskriminierung beim Zugang zum Schienennetz oder zu den Stationen, wenn die Infrastruktur direkt vom Konzernvorstand aus geführt und Politik mit der Infrastruktur verknüpft wird. „Der Aufsichtsrat muss sich entscheiden: zwischen einem weiteren Schritt zur Wiederbelebung der schlechten alten Staatsbahn oder dem Konzept des fairen Wettbewerbs auf neutral bewirtschafteter Infrastruktur“, fordert Ludolf Kerkeling, Chef des Verbands Netzwerk Europäischer Eisenbahnen (NEE). Aus Kreisen der Kontrolleure heißt es unterdessen, der Karrieresprung Pofallas werde durchgehen. Es gebe nur von wenigen Mitgliedern Widerstand.

Grube selbst, dessen Vertrag Ende 2017 ausläuft, darf auch mit einer Verlängerung rechnen. Diese wird voraussichtlich erst bei der nächsten Sondersitzung im Januar beschlossen. Die Laufzeit beträgt allerdings wohl keine fünf Jahre, sondern nur zwei oder drei Jahre. Damit wäre der heute 65-Jährige gut zehn Jahre lang oberster Bahnchef.

Die nächste Baustelle der Aufsichtsräte ist die Finanzlage des hoch verschuldeten Konzerns. Eigentlich sollte der Verkauf von Anteilen an der britischen Tochter Arriva sowie der Spedition Schenker Milliarden einbringen. Durch den Wertverlust des Pfundes nach der Brexit-Entscheidung ist die Teilprivatisierung auf Eis gelegt. Nun springt der Bund mit 2,4 Milliarden Euro in die Bresche.

Rekorde verzeichnet die Bahn zwar beim Fahrgastaufkommen im Fernverkehr. Doch steigen die Gewinne nicht in gleichem Maße an. Im Güterverkehr steckt das Unternehmen sogar in den roten Zahlen. 2017 kommt noch eine weitere Sonderlast auf den Konzern zu: Als Beteiligter am Kernkraftwerk Neckarwestheim muss sich die Bahn an den Entsorgungskosten des Atommülls beteiligen. Rund 350 Millionen Euro wird das kosten.

Für das laufende Jahr kann Grube dem Aufsichtsrat zumindest wieder positive Zahlen melden. Nach einem Verlust von 1,3 Milliarden Euro im Vorjahr wird 2016 ein Gewinn vor Steuern und Zinsen von 1,9 Milliarden Euro erwartet, bestätigen Aufsichtsratskreise. Im kommenden Jahr sollen es wieder mehr als zwei Milliarden Euro werden.