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Mit Big Data sicher fahren

Wie das Berliner Unternehmen Here mit Informationen von Regensensoren, Warnblinkern und ABS-System moderne Karten für Autos entwickeln

Berlin. Ein Jahr ist es her, dass die Autobauer Audi, BMW und Mercedes gemeinsam den Karten- und Navigationsdienst Here kauften. Das Unternehmen arbeitet an Computerprogrammen, die Verkehrsströme vorhersagen und bald auch Daten liefern, mit denen sich fahrerlose Autos unfallfrei bewegen können. Ein Besuch in der Berliner Zentrale zeigt, was die Datenexperten heute schon wissen und woran sie arbeiten.

Als der Senat vor 28 Jahren Tempo 100 auf der Stadtautobahn A100 einführte, sorgte das in Berlin für heftigen Streit. Hätte es damals den Mobilitätsdienstleister Here gegeben, die Debatte wäre vermutlich sachlicher verlaufen. Here analysiert Verkehrsdaten. Ein Ergebnis lautet: Die gefahrene Geschwindigkeit wird eher vom Verkehrsaufkommen geregelt als von Tempo-80-Schildern. Autos fahren auf Berliner Autobahnen im Durchschnitt 81 Kilometer pro Stunde. Geringfügig schneller sind sie nur vor 6.30 Uhr und nach 18.30 Uhr unterwegs.

Die Straßenkarten der Zukunft werden dynamisch

Here kann auch in die Glaskugel schauen. Ein Bildschirm in der Firmenzen­trale zeigt eine Berliner Straßenkarte. Farben einzelner Straßenzüge markieren den Verkehrsfluss. Eine Zoom-Funktion erlaubt es, in Straßen einzutauchen und sich die dort gefahrene Geschwindigkeit anzusehen. Durch das Ändern der Einstellung lässt sich zeigen, wie Radfahren, Carsharing, BVG-Nutzung oder Bevölkerungswachstum das Verkehrsaufkommen und die Schadstoffemissionen bis zum Jahr 2030 beeinflussen würden.

Solche Prognosen werden vom nächsten Jahr an noch viel präziser werden. Von 2017 an stellt die Open Location Plattform Echtzeitdaten bereit. Straßenkarten von morgen sind nicht mehr Papierbögen, die einen Zustand in der Vergangenheit abbilden. „Die Karte wird lebendig, dynamisch und interaktiv sein. Sie wird ein Datenkonstrukt“, sagt Christof Hellmis. Er begleitet das Unternehmen seit den ersten Tagen. 2001 kam er als Geschäftsführer zum damaligen Start-up Gate5. Dessen Gründer, Christophe Maire, arbeitete damals schon zwei Jahre an einem Kartendienst für Mobiltelefone – lange bevor das iPhone und Google Maps sowie schnelle Funknetze zur Verfügung standen.

Mit Gate5 war Berlin schon damals ein Zentrum intelligenter Kartendienste. Das sollte die Stadt auch bleiben: Nokia, damals Weltmarktführer der mobilen Telefonie, kaufte Gate5 im Jahr 2006 und legte damit den Grundstein für seine Verkehrssparte in Berlin, die seit 2012 unter dem Markennamen „Here“ firmiert. Hellmis ist zum Vizepräsident für strategische Programme aufgestiegen. Eines der wichtigsten ist die Open Location Plattform. Dazu sammeln Sensoren zunächst in Autos von Audi, BMW und Mercedes Daten: Sie werden analysiert und liefern dann allen Fahrern Informationen, damit sie bessere Entscheidungen treffen können.

Bislang werden dazu GPS-Daten ausgewertet. Mit ihnen lassen sich nur der Standort und die Geschwindigkeit eines Autos beschreiben. Künftig stehen weitere Datenquellen im Fahrzeug zur Verfügung: Kameras erkennen Fahrbahnmarkierungen und Verkehrsschilder, das ESP meldet Traktionsverluste, das ABS Bremsvorgänge, der Regensensor Niederschlag, die eingeschalteten Nebelleuchten schlechte Sicht, der Warnblinker einen Stau oder Unfall.

Diese Daten werden aus jedem beteiligten Auto in die Internetwolke von Here gesendet und erzeugen eine lebendige Straßenkarte, mit der dann alle Autofahrer sicherer navigieren, weil sie ohne Verzögerung auf alle Informationen zugreifen können. „Die Kunst besteht darin, aus diesen Datenquellen etwas Sinnvolles zu machen. Dazu muss man die Daten normieren und verarbeitbar machen und sie interpretieren, um Information zu generieren“, sagt Hellmis. So entstehe künstliche Intelligenz.

Ein Anwendungsfall für die Open Location Plattform ist die Stauende-Warnung. Man sieht, wenn viel gebremst wird und Autos stehen. Man sieht auch, dass die Fahrer die Warnblinkanlage anschalten. Aus dieser Kombination von Daten kann man das Stauende errechnen – eine Verkehrsinformation in Echtzeit. Solche Assistenzsysteme werden sich durchsetzen. „Nehmen Sie ABS oder ESP, Einparkassistenten oder den Tempomat, Rückfahrkamera oder Parkpiepser“, sagt Hellmis. „Es gibt so viele Assistenzsysteme, die Menschenleben retten. Für Vielfahrer sind solche Systeme ein Komfort, den sie gerne nutzen.“

„Das Verhalten des Einzelnen ist für uns nicht relevant“

Doch das birgt auch Gefahren: Wird der Fahrer gläsern, wenn beim Fahren unaufhörlich Daten gesammelt werden? „Das Verhalten eines Einzelnen ist für uns nicht relevant“, versichert Hellmis. „Uns geht es um statistisch relevante Datenmengen, damit wir Verhaltensmuster erkennen können – zum Beispiel wie sich Verkehrsflüsse bewegen“, sagt der Experte. „Die Menge der Daten ist für uns entscheidend. Die Daten sind anonymisiert, deshalb ist der Rückschluss auf den einzelnen nicht möglich und für die meisten Szenarien nicht interessant.“

Die Open Location Plattform ist die Voraussetzung für weitere Assistenzsysteme in den Autos, wie die zentimetergenaue interaktive Karte „HD Live Map“. Sie soll sogar einmal autonomes Autofahren ermöglichen. Solche Hilfsmittel entlasten zunehmend den Fahrer, der nur noch eingreift, wenn Assistenzsysteme ausfallen. „Das Zusammenspiel zwischen Fahrer und zunehmend intelligenten Systemen im Fahrzeug zu orchestrieren, ist eine der Riesenherausforderungen für die Zukunft“, sagt Hellmis mit Blick auf die Zukunft der Mobilität.