Leipzig

Deutschlands größter Gabentisch

Am Leipziger Flughafen betreibt DHL Europas größtes Luftfrachtdrehkreuz. Ob Nashorn oder Handy, es wird express geliefert

Leipzig. Es ist ein Uhr in der Nacht, und am DHL-Drehkreuz für Luftfracht auf dem Flughafen Leipzig herrscht Hochbetrieb. Transportfahrzeuge rasen kreuz und quer über das hell erleuchtete Rollfeld. Ständig landen neue Flieger. Inmitten des Höllenlärms steht Kathe­rine Neupert und wirkt wie die Ruhe selbst. „Jetzt ist es noch leer“, sagt sie. „In einer halben Stunde steht hier alles voller Flugzeuge.“

Eine Maschine rollt aus. Neupert und ihre Kollegen rennen hin. Als die Triebwerke sich noch drehen, beginnt ihr Job: Hubrampen fahren an geöffnete Luken heran, schaffen Container aus dem Flugzeugbauch auf Lkw-Anhänger. Neuperts Kollegen reinigen und warten die Maschine gleichzeitig. Es läuft ab wie bei einem Formel-1-Boxenstopp. Die Zeit ist begrenzt. Auf einer großen Digitalanzeige läuft eine Stoppuhr herunter. Spätestens nach einer halben Stunde muss der Flieger leer sein, bereit für die nächste Fracht. Längst hat sich Neupert an die hohe Schlagzahl gewöhnt. „Es ist schon eng getaktet“, sagt sie.

Hektik ist der Normalzustand im DHL-Hub Leipzig, wie das Drehkreuz im Fachjargon heißt. Hier betreibt DHL Express, der Weltmarktführer im internationalen Expressversand, sein zentrales Luftversanddrehkreuz. Es ist das größte dieser Art in Europa. Für die Zustellung im Expressversand macht eine riesige Logistikmaschinerie mit 4900 Mitarbeitern ganzjährig die Nacht zum Tag. Die Vorweihnachtszeit ist absolute Hochsaison.

Wer zum Beispiel kurz vor Weihnachten noch ein Smartphone in China bestellt, das am nächsten Tag unterm Weihnachtsbaum liegen soll, dessen Päckchen landet zunächst in Leipzig, von wo aus es weitertransportiert wird. Im DHL-Hub werden im Schnitt pro Nacht über 300.000 Pakete, Päckchen und Briefe aus der ganzen Welt umgeschlagen. In der Adventszeit steigt das Frachtaufkommen noch einmal deutlich.

450.000 Pakete werden in der Spitze erwartet

Dieses Jahr könnte einen neuen Rekord bringen. Bereits Ende November liefen in einer Nacht mehr als 414.000 Sendungen über Leipzig, mehr als in der Hochphase des letztjährigen Weihnachtsgeschäfts. Vor Heiligabend, wenn viele Pakete noch dringend ankommen sollen, werden in diesem Jahr um die 450.000 Sendungen täglich erwartet. „Vor Weihnachten erwarten wir unsere jährlichen Spitzentage“, sagt Michael Kluge, Leiter der europäischen Luftverkehrszentrale im DHL-Hub, der den nächtlichen Ablauf vom Terminal aus überwacht. „Bis dahin wollen wir noch klettern.“

Grund dafür ist der stark wachsende Onlinehandel. Dem Kölner Institut für Handelsforschung zufolge stieg im vergangenen Jahr allein in Deutschland der Wert der Internetkäufe um zwölf Prozent auf 47 Milliarden Euro. Mit einem ähnlichen Umsatzsprung auf mehr als 52 Milliarden Euro rechnet das Institut für dieses Jahr. Das schlägt sich auch in ständig wachsenden Frachtmengen nieder, die über das Leipziger Hub transportiert werden: Im Schnitt landen dort jede Nacht 65 Flugzeuge. Sie kommen aus München, Hongkong oder Singapur. An Bord: im Schnitt insgesamt 1900 Tonnen Fracht, an Spitzentagen bis zu 2400 Tonnen.

Nicht alles geht auf Onlinehandel zurück. Gängig sind auch Ersatzteillieferungen an Unternehmen. Oder medizinische Eilgüter wie radioaktive Krebsmedikamente, die ihre Wirkung nach 48 Stunden verlieren. Daneben haben sie auch mit Kuriosem zu tun: Häufig versendet DHL Bienenvölker über Leipzig. Eine Zwischenlandung legte in diesem Sommer auch ein Nashorn ein, das zur Auswilderung nach Afrika sollte. Bei der Fahrt übers Rollfeld fallen zudem edle Automobile auf: Ein blauer Lamborghini steht auf Paletten, gleich daneben ein festgezurrter weißer Bentley. „Manchmal sagt ein Scheich: ‚Ich will morgen mit dem Auto fahren‘“, erzählt Kluge. „Dann wird es eben per Expressversand geliefert.“

Mit gewöhnlicheren Sendungen bepackt fahren die beladenen Transporter in dieser Nacht zum Verteilzentrum. Das ist größer als zwölf Fußballfelder zusammen. In der riesigen Halle schaffen Angestellte die Sendungen im Akkord aufs Band. In der ersten Etage durchlaufen sie eine vollautomatische Sortieranlage. Die Bänder dort sind insgesamt mehr als 22 Kilometer lang. Ein Laserscanner erfasst über den Barcode den Zielort jedes einzelnen Pakets. Der Computer der Anlage weiß dann, an welcher Stelle des Bandes sie jeweils in eine der großen Wendelrutschen geschoben werden müssen, über die sie dann vom Band zum entsprechenden Packplatz fallen.

Binnen fünf bis sieben Minuten sind die Pakete einmal durch die ganze Halle geschleust und zurück an einem der 717 Be- und Entladeplätze. Hier packt ein Mitarbeiter sie zum Weitertransport in einen Container. Jede noch so kleine Lücke wird genutzt. „Luft ist die teuerste Fracht“, sagen sie im Verteilzentrum – sie wird transportiert, bringt aber keinen Umsatz und keinen Gewinn.

Transporter bringen schließlich den vollen Container zurück aufs Rollfeld. An der Heberampe warten schon Katherine Neupert und ihre Kollegen. Sie beladen das Flugzeug. Um 2.30 Uhr startet die erste Maschine in den Nachthimmel. Flieger auf Flieger hebt ab, der letzte morgens um acht. Das Drehkreuz kommt wieder zur Ruhe. Bis zur nächsten Nacht.