Washington/Berlin

Amazon schafft die Kassierer ab

US-Konzern eröffnet einen Supermarkt ohne Kasse. In Deutschland drängen Onlinehändler in die Innenstädte

Washington/Berlin. Kurz vor Feierabend. Die Schlange im Supermarkt ist endlos. Und an der einzig geöffneten Kasse verdreht die Kassiererin die Augen, weil ein Kunde in aller Ruhe im Geldbeutel nach Münzen kramt.

Geht es nach dem Onlinehändler Amazon, gehört dieses Szenario bald der Vergangenheit an. Am Stammsitz in Seattle eröffnet der US-Konzern Anfang nächsten Jahres einen 180 Quadratmeter großen Pionierladen, in dem es weder Staus noch Kassenzettel gibt. Der Kunde erhält über eine App auf dem Smartphone Zutritt, was Ladendiebe ausschließen soll, nimmt sich nach Belieben von Sensoren gesicherte Lebensmittel aus dem Regal, packt sie direkt in seine Tasche – und geht. Draußen liefert das Smartphone die digitale Rechnung. Der Betrag wird vom Amazon-Konto abgebucht. Fertig.

Am Montag ist der „Amazon Go“-Supermarkt in der Innenstadt Seattles bereits im Probebetrieb angelaufen – bislang können nur Beschäftigte des Konzerns einkaufen. Mit dem Projekt will der Onlineriese den stationären Handel revolutionieren und einen möglichst großen Teil von dem jährlichen 800-Milliarden-Dollar-Umsatz in den USA erhalten.

Amazon war bereits mit dem Bestelldienst „Amazon Fresh“ in das Lebensmittelgeschäft eingestiegen. Der kassenlose Supermarkt, in dem zunächst nur Grundnahrungsmittel wie Brot, Obst, Butter und frisch zubereitete Gerichte für die Mittagspause angeboten werden, ist technologisch die Fortführung des fahrerlosen Autos. „Mit Kameras und künstlicher Intelligenz soll der komplette Einkaufsvorgang gesteuert werden“, heißt es inoffiziell aus dem Unternehmen. Verläuft der Testversuch erfolgreich, erwägt Amazon die Einrichtung von rund 2000 Geschäften in den USA, schreibt das „Wall Street Journal“. Das würde auch die Gewerkschaften auf den Plan rufen: Denn Kassierer, die meisten sind Frauen, stellen laut Arbeitsministerium mit 3,5 Millionen Angestellten die zweitgrößte Beschäftigungsgruppe in Amerika. Das neue Bezahlsystem würde ihre Jobs überflüssig machen. Konsumforscherin Britt Beamer geht davon aus, dass 75 Prozent des Kaufhaus-Personals von der Automatisierung betroffen wären. Wann Amazon im Lebensmittel-Gewerbe in die Fläche geht, ist allerdings noch unklar. Der von Multimilliardär Jeff Bezos geführte Konzern, der zuletzt 100 Milliarden Dollar Jahresumsatz gemacht hat, lässt sich bei Innovationen Zeit. Auch beim stationären Buchhandel geht Amazon vorsichtig vor: Einem ersten Buchladen im Studentenviertel von Seattle hat der Onlinehändler in Amerika nur zwei weitere folgen lassen.

In Deutschland ist Amazon zwar bislang nur online zu erreichen, aber andere Onlinehändler sind längst auch in den Innenstädten präsent. So hat etwa der Technikhändler Notebooksbilliger.de oder der Müslihersteller Mymuesli auch Läden eröffnet.

„Der Amazon Shop belegt die Entwicklung des Einzelhandels hin zum Multichannel-Handel“, sagt der Geschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland, Kai Falk, dieser Zeitung. Und die stationären Geschäfte setzten immer mehr auf digitale Services, sie schickten Gutscheine auf die Smartphones oder bieten eine Navigationshilfe durch den Laden. Gemeint ist etwa die Beacon-Technologie, die Kunden auf der Basis des bisherigen Einkaufsverhaltens Produkte empfiehlt. Doch die Geschäfte der Onlinehändler können laut dem Institut für Handelsforschung die Innenstädte nicht retten. Rund 2000 Läden würden so bis 2020 entstehen, während bis dahin 40.000 stationäre Geschäfte schließen könnten.