BerliN

Die meisten Armen leben in Großstädten

Das höhere Preisniveau in den Metropolen ist nur eine Erklärung

BerliN. Armut ist in Deutschland vor allem ein Großstadt-Problem: Rechnet man die höheren Lebenshaltungskosten ein, sind in den Metropolen gut 21 Prozent der Einwohner arm – auf dem Land droht dagegen weniger als 14 Prozent Armut. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die am Montag in Berlin vorgelegt wurde. „Städte machen arm, nicht zuletzt durch ihr hohes Preisniveau “, sagte IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös. Besonders betroffen ist neben westdeutschen Großstädten auch Berlin – die höchste Armutsquote bundesweit hat Bremerhaven.

Als arm gilt, wer über höchstens 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. Aktuell liegt diese Schwelle bei 917 Euro im Monat. Aber um wirklich beurteilen zu können, wie verbreitet Armut sei, müsse man wissen, was sich die Menschen vom Einkommen leisten könnten, so die Studie. Die Forscher berechneten deshalb für alle Großstädte und Landkreise die „Kaufkraftarmut“, die das regional unterschiedliche Preisniveau berücksichtigt.

Erstes Ergebnis: Die landläufige Annahme, Armut sei vor allem in Ostdeutschland verbreitet, ist falsch. Werden nur die Einkommen gemessen, sind zwar 19 Prozent der Ost- und 14 Prozent der Westdeutschen arm – durch die Preisbereinigung aber schrumpft das Ost-West-Gefälle auf 17 zu 15, denn die Lebenshaltungskosten sind im Osten oft niedriger als im Westen. Nach dieser Berechnung ist die Armutsquote von Thüringen, Brandenburg und Sachsen niedriger als im Bundesschnitt.

Armutsquote im Ostteil Berlins vergleichsweise niedrig

Dagegen geht die Schere beim Stadt-Land-Vergleich auf. Das Gefälle zwischen Metropolen und ländlichen Regionen ist vor allem im Westen groß, dort ist der Anteil von Kaufkraftarmut mehr als dreimal so hoch wie etwa in den bayerischen Landkreisen Erlangen, Fürth oder Landshut. Berlin liegt mit seinem Westteil und Mitte auf Platz fünf der Regionen mit der höchsten Kaufkraft-Armutsquote (23,8 Prozent). Für den Ostteil Berlins haben die Forscher dagegen eine deutlich niedrigere Armutsquote von 17 Prozent errechnet.

Die Liste der Städte mit der größten Armutsgefährdung wird angeführt von Bremerhaven, gefolgt von Gelsenkirchen, Köln, Duisburg und Bremen. Selbst wirtschaftsstarke Städte wie Köln und Frankfurt weisen mit Quoten von 26,2 und 23,6 Prozent erhebliche Kaufkraftarmut auf. Der größte Ballungsraum mit flächendeckend hoher Armutsgefährdung ist das Ruhrgebiet. In Hamburg ist jeder Fünfte von Armut bedroht. Am unteren Ende dieser Liste finden sich die baden-württembergischen Landkreise Bodensee, Sigmaringen, Ravensburg sowie weitere süddeutsche Kommunen.

Eine Erklärung für das Gefälle sind die höheren Preise in den Metropolen: In Köln und Düsseldorf beispielsweise liegt laut Studie das Preisniveau um rund zehn Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Und in München gilt ein Single noch mit 1128 Euro als kaufkraftarm, während er in Tirschenreuth im Bayerischen Wald schon bei einem Monatseinkommen von 823 Euro aus dieser Kategorie herausfällt.

Grund für die hohen Armutsquote ist auch die Anziehungskraft der Metropolen auf tendenziell ärmere Bevölkerungsgruppen: Etwa Zuwanderer, die dort auf ein soziales und kulturelles Netzwerk zurückgreifen können, oder Alleinerziehende, die in Städten leichter eine Kita finden. Als weitere „Risikogruppen“ gelten Alleinstehende und Arbeitslose, die häufiger in den Städten wohnen. Die IW-Forscher fordern als Konsequenz aus den regionalen Unterschieden eine Neuausrichtung der Armutsbekämpfung. Die bisher vor allem auf ländliche Gebiete konzentrierte Regionalpolitik solle der Bund stärker auf Städte mit Strukturproblemen und hoher Arbeitslosigkeit richten. Notwendig seien auch eine Erhöhung des Wohnungsangebots in Städten und ein Programm für überschuldete Kommunen.