Berlin

Absturz ins Bodenlose

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Tanja Tricarico

Nach dem Tod von Firmengründer Thomas Wagner tauchen beim einstigen Vorzeige-Start-up Unister immer mehr Schulden und Fragen auf

Berlin. Ein ungeklärter Flugzeugabsturz, Betrugsvorwürfe, mysteriöse Geschäfte und viel Geld – der Fall hat alles, was ein Wirtschaftskrimi braucht: Am 14. Juli starb der Gründer und Chef des Internetunternehmens Unister, Thomas Wagner, beim Absturz eines Kleinflugzeugs in den Bergen Sloweniens. Der 38-jährige Wagner und sein Geschäftspartner waren auf dem Rückweg aus Venedig. Was genau sie dort taten, ist bislang unklar. Von einem Geldgeschäft in Millionenhöhe ist die Rede, aber auch von geprellten Geschäftsleuten, die Betrügern aufsaßen. Gesicherte Erkenntnisse gibt es nicht, dafür jede Menge Stoff für Spekulationen.

Nach Wagners Tod offenbart sich, was nur wenige Branchenkenner ahnten. Das ehemalige Vorzeige-Start-up Unister ist pleite. Wagner galt als aufstrebend, charismatisch, der Treiber hinter der Firma. Einer, der nicht zur Ruhe kommt, nicht abgeben kann, sich zuweilen vielleicht auch verrennt. Nach Wagners Tod kommt ans Licht, wie tief sein Unternehmen in Schwierigkeiten steckte. Vier Tage nach dem Absturz meldet die Firma Insolvenz an.

Gigantisch schnelles Wachstum, eine undurchsichtige Buchhaltung, kaum Rücklagen für schlechte Zeiten. „Die Ursachen für die Insolvenz sind vielschichtig“, sagt Lucas Flöther. Der Rechtsanwalt verwaltet die Insolvenz und versucht derzeit Licht in die Unister-Strukturen zu bringen. „Durch die enorm hohen Marketingkosten hat man sich Umsatz teuer erkauft.“ Wie hoch die Schulden tatsächlich sind, ist unklar. Insgesamt gibt es rund 40 Gesellschaften, die beleuchtet werden müssen. Mindestens knapp 100 Millionen Euro stehen jetzt schon im Raum. Die Buchhaltung, die Flöther vorfand, macht eine schnelle Bestandsaufnahme unmöglich. „Am Anfang konnten wir nicht zuordnen, welche Vermögenswerte zu welcher Gesellschaft gehören und welche Schulden welche Gesellschaft hat“, sagt er. Auch das Land Sachsen fordert mehr als eine Million Euro an Fördergeldern zurück.

Die Sache ist kompliziert. Und immer wieder führen alle Wege zu Thomas Wagner. 2002 gründet er Unister in Leipzig. Die Firma gilt als Shootingstar unter den Start-ups, als Vorreiter für neue Geschäftswege im Netz. Unister praktiziert zwei Modelle: Einerseits vermitteln die Tochtergesellschaften Reisen und andere Dienstleistungen, etwa über das Portal ab-in-den-urlaub.de oder fluege.de. Andererseits werden eigene Reisen über die Marke Urlaubstours angeboten. 2012 gerät das Unternehmen erstmals in die Schlagzeilen. Ein Vorwurf: unerlaubter Vertrieb von Versicherungen. Büros werden durchsucht, Manager verhört. 2015 gibt es neue Probleme. Externe Berater sollen das Chaos entwirren und Strukturen schaffen. Doch passiert ist nicht viel.

Die Kundschaft bekommt von alledem nichts mit, sondern freut sich über die günstigen Preise. Mit viel Werbung macht Unister auf seine Webseiten aufmerksam. Gutscheine, Spezialangebote, sogar eigene Kreditkarten können die Kunden bekommen. Die Lockangebote funktionieren. Auf Seiten wie ab-in-den-urlaub.de buchen Tausende Verbraucher ihre Reisen. Doch die Angebote halten nicht immer das, was sie versprechen. Bis heute sind Verfahren gegen verschiedenste Unister-Gruppen anhängig. Drei Ex-Manager stehen im Januar 2017 vor dem Landgericht Leipzig. Die Vorwürfe: Steuerhinterziehung und Computerbetrug.

„Wir haben in den letzten Jahren sehr viele Abmahnverfahren in die Wege geleitet“, sagt Dunja Richter von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Allein auf ihrem Tisch landen mehrere Hundert Beschwerden. So gibt es Probleme beim Einlösen der ausgegebenen Gutscheine. Oder zusätzliche Servicegebühren, die für Verbraucher nicht nachvollziehbar sind, werden verlangt. „Ständig musste man schauen, ob sich das Unternehmen umbenannt hat“, sagt Richter. „Da war viel im Argen.“ Wenn die Verbraucherzentrale das Unternehmen aufforderte, wettbewerbswidriges Verhalten zu unterlassen, lenkte Unister laut Richter meist nicht ein, sondern ließ es auf ein Gerichtsverfahren ankommen.

Mit einem neuen Investor könnte alles anders werden. Laut Insolvenzverwalter Flöther gibt es für die Reisesparte bereits Interessenten. Finanzinvestoren sind dabei, aber auch strategische Geldgeber, die ihr eigenes Angebot erweitern wollen. Allein für die Sparten Flug und Touristik sind derzeit sechs Investoren im Gespräch. Auch für die anderen Portale wie shopping.de oder auto.de gibt es Angebote. Die erste Unister-Tochter ist bereits verkauft. Der Reiseveranstalter Fit Reisen übernimmt die Regie beim Kurzreise-Onlineportal kurz-mal-weg.de. Über den Preis herrscht Stillschweigen. Alle Mitarbeiter sollen wohl übernommen werden.

„Die Marken sind so stark,wir müssen nicht verkaufen“

Für die Region Leipzig ist Unister wichtig. Rund 950 Menschen arbeiten heute für das Unternehmen. Die Stadt hätte es gern, dass Unister bleibt. Schließlich hat das Start-up nicht nur Jobs gebracht, sondern auch Büroflächen angemietet. „Auch das Konzept des Investors, zum Beispiel, ob er den Standort erhält, spielt beim Verkauf eine Rolle“, sagt Flöther. Zeitdruck hat der Insolvenzverwalter nicht. „Die Marken sind so stark, wir müssen nicht verkaufen.“ Seit Anfang November nimmt der Reiseveranstalter Urlaubstours wieder Buchungen an. Über die Generali Versicherungsgruppe sind die Aufträge und damit die Reisen der Kundschaft abgesichert. Es gibt wohl einen Weg aus der Pleite.

Und Wagners Todesumstände? Was wollten er und sein Geschäftspartner in Venedig? Wollten sie sich einen Kredit beschaffen und wurden Opfer von Betrügern? Ist gar die Mafia im Spiel? Im Oktober fand die slowenische Polizei das Höhenruder des Flugzeugs, mit dem Wagner abstürzte. Es ist nicht auszuschließen, dass das Teil absichtlich beschädigt wurde. Die Ermittlungen werden ein bis zwei Jahre dauern.