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Wie die Messenger-App Snapchat Kurs auf die Börse nimmt

Die Messenger-App Snapchat hat ihren 26-jährigen Gründer Evan Spiegel zum Milliardär gemacht. Jetzt nimmt sie Kurs auf die Wall Street.

Snapchat-Chef Evan Spiegel ist mit seiner Messenger-App reich geworden – und versucht ständig, neue Geschäftsfelder zu erschließen .

Snapchat-Chef Evan Spiegel ist mit seiner Messenger-App reich geworden – und versucht ständig, neue Geschäftsfelder zu erschließen .

Foto: dpa Picture-Alliance / Jae C. Hong / picture alliance / AP Photo

Berlin.  Mats Hummels und Jérôme Boateng laufen sich warm, sie sprinten im Slalom um Pappaufsteller, schießen aufs Tor. Manuel Neuer hält souverän. Es nieselt leicht. „Manu, die Mauer!“ steht in großen Buchstaben auf dem Bildschirm des Mobiltelefons. Und ganz oben rechts die Information: vor drei Minuten gepostet.

Näher kann man kaum dran sein an einem Tag von Bayern München. Der Kanal des Fußballclubs ist einer der beliebtesten bei Snapchat. Zehntausende Nutzer weltweit schauen den Spielern beim Training oder beim Feiern zu. Die meisten Zuschauer sind unter 30, weshalb nicht jeder den Siegeszug des sozialen Netzwerks mitbekam. Das ändert sich jetzt.

Snapchat betritt die große Bühne

Mit dem angekündigten Börsengang betritt Snapchat die große Bühne. Laut übereinstimmenden Berichten verschiedener Medien hat das Unternehmen mit dem Gespenst im Logo die Notierung an der Wall Street bei der US-Börsenaufsicht beantragt. Schon im Frühjahr 2017 könnte es so weit sein. Auf Anfrage sendet die Snapchat-Vertretung in London den Satz: „Wir kommentieren keine der Meldungen.“

Trotzdem gilt dieser Schritt als einer der aufregendsten des Börsenjahrs. Schon im Februar erklärte das „Wall Street Journal“ das Jahr 2016 zum „Jahr von Snapchat“. Rund 150 Millionen tägliche Nutzer weltweit hat die App, Tendenz stark steigend – seit Neuestem auch bei Nutzern über 30.

Analysten bewerten Snapchat mit bis zu 25 Milliarden US-Dollar

Analysten taxieren den Wert der Firma auf 20 bis 25 Milliarden US-Dollar. Snapchat spielt damit in einer Liga mit Dax-Unternehmen wie Fresenius oder der Deutschen Bank. Binnen fünf Jahren hat sich das Netzwerk von einer App, mit der Nutzer einst vor allem Nacktbilder von sich verschickten, zu einem Phänomen entwickelt.

Simeon Ulandowski, 32, berät Unternehmen dabei, wie sie Social Media für ihre Marke nutzen können. Das Besondere an Snapchat sei, dass die Nutzer mit einfachen Mitteln jeden Tag angelockt werden. „Es gibt immer etwas Neues, mal kann ich mir eine dicke Nerdbrille aufsetzen, mal aussehen wie ein Reh.“ Und wer die aktuellen Meldungen seiner Freunde sehen will, müsse die App täglich öffnen, denn die Filme und Bilder sind nach 24 Stunden gelöscht. „Facebook hat jeder, wird aber hauptsächlich zum passiven Konsumieren genutzt“, sagt der Berater der Agentur Klenk & Hoursch. „Bei Snapchat ist die Aktivität viel höher, auch weil es immer noch ein digitaler Rückzugsraum für Jüngere ist.“

Brille mit Videokamera ist ein Bestseller in Venice Beach

Das liegt unter anderem an dem recht schwierigen Handling. Ältere Nutzer sind zunächst abgeschreckt von der eher komplizierten Benutzeroberfläche. Die App hat sich ständig erweitert. Fans der ersten Stunde konnten sich Schritt für Schritt an die Neuerungen gewöhnen. Wer jetzt erstmals die App herunterlädt, braucht schon ein Youtube-Lehrvideo, um noch zu verstehen, was passiert, wenn er nach links oder rechts wischt.

Das könnte, so der Finanzexperte und Wirtschaftspublizist Hans Weitmayr, zu einem Problem werden für die App. Er erinnert an den Börsengang von Facebook 2012. „Der begann auch recht holprig“, sagt er, „aber inzwischen konnte es das Netzwerk erreichen, dass vor allem ältere Nutzer es wie ein Betriebssystem benutzen.“ Auch sei das Marketing auf Facebook inzwischen sehr ausgefeilt. Das Gegenbeispiel für Anleger liefert Twitter. Der Kurznachrichtendienst tritt auf der Stelle, die Zahlen stagnieren. „Snapchat weiß das und erschließt sich ständig neue Geschäftsfelder.“

Sonnebrille mit Kamera aus dem Automaten

Aktuell stellt das Unternehmen an verschiedenen Orten in den USA Snapbots auf – Automaten, die eine Sonnenbrille mit eingebauter Kamera für rund 130 Euro verkaufen. Per Bluetooth sind die Geräte mit dem Telefon verbunden und senden direkte Bilder und Videos an Snapchat. Innerhalb kürzester Zeit bildeten sich so am Strand von Venice Beach Schlangen vor den Automaten, und die Brillen werden inzwischen bei Ebay für bis zu 1000 Euro angeboten. Ganz klar: Gerade jetzt hilft Snapchat jeder Hype.

CEO Evan Spiegel ist erst 26, steht aber schon mit einem geschätzten Vermögen von 2,1 Milliarden US-Dollar in der aktuellen Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt. Der Snapchat-Gründer tut alles, um die Goldgräberstimmung zu schüren, zumindest auf dem Werbemarkt. „Die Zahlen, die Snapchat auf den Tisch legen kann, sind durchaus beeindruckend, und darauf legt der Markt Wert“, sagt Finanzexperte Weitmayr.

Für dieses Jahr wurde die Zielmarke von 350 Millionen Dollar Umsatz schon im November durchlaufen, im kommenden Jahr soll es dreimal so viel sein. „Der Markt hört gern hin, wenn jemand eine gute Geschichte erzählen kann.“ Ob sie nachhaltig ist und die Aktie ein heißer Tipp für den geneigten Kleinanleger ist, das sei unmöglich vorauszusagen.

Das Werben auf der Plattform will gelernt sein

Ein Stück Ungewissheit birgt die Zeit, die sich Snapchat für den Börsengang ausgesucht hat: Die Trump-Wahl, der Brexit, die wackelige EU – alles unsichere Begleitfaktoren. Und das Werben auf der Plattform müssen Unternehmen erst lernen. Nicht für jeden lohne sich ein eigener Kanal, sagt Kommunikationsprofi Ulandowski. „Bei Snapchat merken die Nutzer sofort, wenn ihnen jemand etwas platt verkaufen will.“ Die Nutzer gehören zur neuartigen Wir-wollen-keine-Zielgruppe-sein-Zielgruppe. Für die müsse man sich was einfallen lassen. „Sie müssen wirklich gut darin sein, authentische Geschichten zu erzählen.“