Start-ups

Lissabon nimmt Gründermetropole Berlin als Vorbild

Lissabon gilt unter Gründern und Investoren als Geheimtipp. Start-up-Manager Simon Schäfer spricht über die Chancen von Portugals Hauptstadt.

Simon Schäfer baut in Lissabon ein Start-up-Ökosystem auf

Simon Schäfer baut in Lissabon ein Start-up-Ökosystem auf

Foto: Amin Akhtar

Berlin/Lissabon.  „Vergesst Berlin“, titelt das Weltwirtschaftsforum in einem Beitrag auf seiner Internetseite. Die portugiesische Hauptstadt Lissabon wolle die neue europäische Start-up-Hauptstadt werden. Nach Schuldenkrise und Rettungsschirm erlebt das Land einen Gründer-Boom. Zur Technologie-Konferenz Websummit Anfang November kamen 53.000 Besucher in die portugiesische Hauptstadt. Einer, der Lissabon kennt, ist Simon Schäfer. Der Gründer des Berliner Start-up-Campus Factory unterstützt nach seinem Ausstieg aus dem Projekt die Regierung von Portugal im Aufbau des Start-up-Ökosystems. Er leitet dazu die regierungsnahe Denkfabrik „Startup Portugal“ in den Räumen des Wirtschaftsministeriums. Nachdem sein zweiter Campus in Berlin kurz vor der Eröffnung steht, baut er eine weitere Factory in Lissabon auf.

Herr Schäfer, was hat Lissabon, was Berlin nicht hat?

Simon Schäfer: Erst einmal großartiges Wetter, das Meer, Seafood – aber vor allem haben die Portugiesen eine unglaublich unternehmerische Geschichte und Kultur, und sind enorm offen für Neues. Da habe ich in Berlin schon öfter mal Ressentiments zu spüren bekommen, vor allem bei Vorschlägen zu innovativen Regulierungen. Die portugiesische Regierung spielt hier ganz vorne mit, und hat sich zum Ziel gemacht die weltweit besten Rahmenbedingungen für Innovation zu schaffen. Portugal hat auch gesamtwirtschaftlich einiges aufzuholen, das bringt eine Menge Ehrgeiz und Ambition mit sich. Die Zahlen bessern sich bereits, wie letzte Woche bekannt wurde, der Trend zeigt nach oben.

Gibt es bereits Investorenkapital?

Ja, und Geld findet auch immer seinen Weg. Eigentlich muss man fragen, ob es auch gute Deals gibt, und auch das muss man klar mit Ja beantworten. Es gibt auch bereits das erste Unicorn aus Portugal.

Hat die Gründerszene dort bereits ein Profil oder einen Schwerpunkt?

Nein, nicht wirklich. Der einzige Schwerpunkt ist so früh wie möglich zu internationalisieren, da es ein sehr kleiner Heimmarkt ist. Ähnlich wie in Tel Aviv. Das halte ich für sehr gesund, da es den Blick auf die Welt richtet, und nicht zu früh „sättigt“.

Unterscheidet sich die Gründerszene in Lissabon vom Berlin der frühen Jahre?

Sie erinnert mich sehr an Berlin vor einigen Jahren. Es gibt hier keine Samwers, aber es gibt unglaublich viele aktive Acceleratoren und Inkubatoren, die einen ähnlichen Effekt haben, nämlich das kollektive Know-how zu steigern.

Was mich vor allem stark an Berlin erinnert ist das räumliche Potenzial. Es gibt unendlich viele wunderschöne alte und neue Gebäude, die noch im Dornröschenschlaf sind. Die Potenziale im Stadtbild sind doch sehr ähnlich. Und das bringt dann wahrscheinlich auch einen der Hauptpunkte, für den Berlin immer stand und heute schon bald verloren hat: günstige Rahmenbedingungen um zu gründen. Berlin ist schon ziemlich teuer geworden, vor allem im Vergleich zu Lissabon.

Gibt es Gemeinsamkeiten?

Was beide Städte teilen ist die hohe Englisch-Quote – fast jeder spricht Englisch, nur in der Verwaltung ist das noch etwas schwierig. Aber das läuft ja selbst in Berlin noch nicht komplett auf Englisch.

Wird Lissabon Berlin als europäische Start-up-Metropole ablösen?

Das ist Quatsch. Innovation durch Technologie wird überall stattfinden, ob in Bratislava oder in Mailand oder in Wien oder eben in Lissabon. Es wird meiner Meinung nach in der Zukunft kein Geschäft geben, welches nicht in irgendeiner Form mit der Digitalisierung zu tun hat, sei es im Vertrieb und Marketing. Und weil die Vergleiche so sehr nerven, haben wir zum Websummit für das Land Portugal eine Kampagne geschaltet, mit der Headline ,This is not the next Silicon Valley. This is Portugal.’ [Dies ist nicht das nächste Silicon Valley. Das ist Portugal], die im Internet ziemlich erfolgreich ist.