Berlin

Berliner erfinden den digitalen Beifahrer

Künstliche Intelligenz fürs Auto: German Autolabs entwickelt den ersten digitalen Beifahrer und macht jedes Fahrzeug zum Connected Car.

Berlin. Wenn man in der noch jungen Berliner Start-up-Szene von „Urgesteinen“ sprechen kann, dann ist Holger Weiss eines von ihnen. Jetzt hat er sein drittes Projekt gestartet. Wie die beiden vorigen soll auch dieses das Autofahren bequemer machen.

Weiss gehörte zu den Mitarbeitern der ersten Stunde beim Kartendienst Gate5. Der heutige Business Angel Christophe Maire hatte früh das Potenzial mobiler Geräte für die Navigation erkannt und arbeitete seit 1999 mit ihrem Team sechs Jahre lang an der Vision einer Routenplanungs-Software – lange bevor das iPhone und Google Maps auf den Markt kamen und schnelle Funknetze zur Verfügung standen.

Nokia kaufte das auf 70 Mitarbeiter gewachsene Unternehmen 2006 und legte damit den Grundstein für seine Verkehrssparte in Berlin, die heute unter dem Markennamen „Here“ firmiert und inzwischen ein Tochterunternehmen der Automobilkonzerne Audi, BMW und Daimler ist. Die drei Premiumautobauer lassen dort Software und Karten für ihre Assistenz- und Navigationssysteme entwickeln.

Das zweite Weiss-Projekt war Aupeo: ein Musikstreamingdienst fürs Auto, der zu einer personalisierten Infotainmentplattform mit Inhalten aus unterschiedlichen Quellen erweitert wurde. Weiss, der als Business Angel früh in das Unternehmen investiert hatte und 2010 dessen Geschäftsführer und CEO wurde, erhielt dafür 2015 den Innovationspreis der weltgrößten Elektronikmesse CES in Las Vegas. Er hatte das Unternehmen im Jahr 2013 für einen zweistelligen Millionenbetrag an den US-Elektronikkonzern Panasonic verkauft – das war einer der ersten großen Start-up-Verkäufe in Berlin außerhalb des Onlinehandels. Mehr als 20 Autohersteller, darunter Ford, VW, Mercedes, BMW und Toyota, sind Partner von Aupeo.

Autolabs macht das Fahren unterhaltsamer

Das dritte und aktuelle Projekt des Internetunternehmers ist German Autolabs, eine Art digitaler Beifahrer, der das Autofahren unterhaltsamer und sicherer machen soll. Das Herzstück der Plattform ist eine speziell für das Autofahren entwickelte künstliche Intelligenz. „Sie verbindet die Dienste auf dem Smartphone sinnvoll und wird über Sprache und Gestik gesteuert. Das Telefon selbst bleibt in der Tasche“, sagt Weiss, der German Autolabs zusammen mit Patrick Weissert, dem früheren Chef des Privatkundengeschäfts beim Navigationsanbieter Here, gegründet hat.

„Ablenkungsfreie und zuverlässige Assistenzsysteme mit Sprachsteuerung gibt es bislang nur in der Oberklasse, aber nicht jeder fährt einen Tesla oder einen BMW“, sagt Weiss. Deshalb gehört der verbotene Griff zum Smartphone für Millionen Autofahrer zum Alltag. Allein im Jahr 2015 zählte das Kraftfahrt-Bundesamt mehr als 360.000 Verstöße gegen das Handy-Verbot am Steuer – darunter mehr als 12.000 allein in Berlin. Weiss und Weissert wollen ihre Technologie allen Autofahrern zur Verfügung stellen, egal welche Automarke sie fahren, wie alt ihr Fahrzeug ist und welches Smartphone sie benutzen. Die Gründer sehen hier ein hohes Potenzial: Denn nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes beträgt das Pkw-Durchschnittsalter in Deutschland 9,2 Jahre.

„Wir wollen eine Plattform entwickeln, mit der Autofahrer wichtige Apps und Dienste intuitiv nutzen und steuern können: WhatsApp und E-Mails an der roten Ampel, Google Maps auf der Autobahn“, sagt Weiss. Ein Smartphone sei dazu wegen seiner Größe, der zu kleinen Schrift sowie seiner zahlreichen Funktionen während des Autofahrens ungeeignet.

„Unser digitaler Beifahrer erledigt alle Aufgaben auf Zuruf, informiert und spricht situationsabhängig mit dem Fahrer, sodass seine Hände zu jeder Zeit da bleiben können, wo sie für die größte Sicherheit sorgen – am Steuer“, erläutert Weiss das Konzept. Die Herausforderung bestehe darin, dem Fahrer Informationen priorisiert, personalisiert und zum richtigen Zeitpunkt zu präsentieren – wie ein echter Beifahrer, der Hinweise zur Navigation gibt, während der Fahrt eine Mail auf dem Telefon des Fahrers beantwortet oder eine Musik auswählt. Damit würde dann jedes Auto zum „Connected Car“ – zu einem mit dem Internet vernetzten Fahrzeug.

Das erfordert eine intelligente und semantische Spracherkennung. „Sie ist der Schlüssel, der das Fahrzeug für die digitale Welt öffnet“, sagt Patrick Weissert. „Durch Amazons Alexa, Ok Google oder Siri von Apple sind wir mittlerweile daran gewöhnt, digitale Dienste mit der Stimme zu steuern.“ Er geht davon aus, dass der digitale Beifahrer das Autofahren in ähnlicher Weise revolutionieren wird wie das vor zehn Jahren mit dem Navigationsgerät der Fall war. „Es darf auf keiner Fahrt fehlen.“ Weissert verantwortet bei German Autolabs die Produktentwicklung. Auch Weiss glaubt, dass die Sprachsteuerung Einzug in den Alltag – und damit auch ins Auto – halten wird. „Hier stehen wir vor einem Paradigmenwechsel.“

Zwei Millionen Euro in junges Unternehmen investiert

Das Produkt von Autolabs soll nicht nur durch Sprache, sondern auch durch Gesten steuerbar sein. Deshalb werden die Berliner Gründer auch ein Hardwareprodukt entwickeln. „Das Tippen auf einem Touchscreen lenkt den Autofahrer zu sehr ab“, sagt Weiss.

Als erste Investoren konnten die beiden Gründer den Münchener Technologie-Investor Target Partners sowie Business Angels gewinnen. Sie pumpten einen Betrag von zwei Millionen Euro in die Entwicklung des neuen Beifahrerassistenten. Das erste Produkt für Endkunden soll bereits im kommenden Jahr auf den Markt kommen. Ferner planen die Gründer die Lizenzierung ihrer Software für interessierte Autohersteller.

Vor wenigen Tagen hat das Team – inzwischen hat das Unternehmen zwölf Mitarbeiter – sein neues Büro in einem Kreuzberger Gewerbehof bezogen, in dessen Mittelpunkt ein nachgebautes Autocockpit mit einem frontscheibengroßen Bildschirm steht, der das Straßenbild zeigt. Daran testen die Gründer die Funktionalität ihrer neuen Plattform und das Verhalten von Autofahrern während des Fahrens. Zweitwichtigster Gegenstand auf der ehemaligen Fabriketage an der Köpenicker Straße ist übrigens die Espressomaschine. Es ist die gleiche wie damals im alten Gate5-Büro – so schließen sich Kreise im Gründerleben.