Shopping

„Tag des Singles“ – Chinas einsame Herzen im Kaufrausch

Was tun gegen Einsamkeit? In China lautet ein Rezept: Shopping. Am „Tag des Singles“ geraten Chinesen in einen regelrechten Kaufrausch.

Päckchen über Päckchen: Der 11. November 2015 war der umsatzstärkste Einkaufstag in der Geschichte.

Päckchen über Päckchen: Der 11. November 2015 war der umsatzstärkste Einkaufstag in der Geschichte.

Foto: imago stock&people / imago/Xinhua

Peking.  Was für Karnevalisten der Beginn der fünften Jahreszeit ist, wird für Chinas Paketdienste der stressigste Tag des Jahres. Der Grund: Chinesische Konsumenten begehen am 11. November „Guanggunjie“, den „Tag des Singles“. Dieses Ereignis geht auf den chinesischen Online-Großkonzern Alibaba zurück. Weil an diesem Tag auf dem Kalenderblatt vier Mal die Ziffer „1“ steht, hat das Unternehmen ihn prompt zum Tag der einsamen Herzen erklärt. Und was kann über Einsamkeit hinweg trösten? Ausgiebiges Shoppen.

2009 hatte Alibaba über seine Online-Handelsplattform Taobao erstmals die vielen Unverheirateten des Landes mit zahlreichen Sonderangeboten überschüttet. Seitdem bieten die chinesischen Online-Händler jedes Jahr am 11. November Preisnachlässe von bis zu 70 Prozent.

Der umsatzstärkste Einkaufstag in der Geschichte

Entsprechend groß war der Ansturm. Nur drei Minuten nach Mitternacht hatte Alibaba bereits Waren im Wert von umgerechnet einer Milliarde Euro verkauft. Mehr als 278,5 Millionen Päckchen wurden an diesem Tag verschickt. Rund 27.000 Händler machten mit. Bis zum Ende des Tages brachte es Alibaba auf einen Umsatz von rund 13 Milliarden Euro. Der 11. November 2015 war der umsatzstärkste Einkaufstag in der Weltgeschichte.

Dieser Rekord soll dieses Mal geknackt werden. An diesem Freitag machen 40.000 Händler mit. Und auch ausländische Marken sind auf den Zug aufgesprungen: Lego, Fisher Price, der Disney-Konzern, Calvin Klein, selbst Metro und Costco wollen Singles mit Angeboten verführen.

„Marken aus dem Ausland nutzen den Tag der Singles, um sich dem chinesischen Konsumenten bekannt zu machen“, sagt Brian Buchwald vom New Yorker Konsumforschungsinstitut Bomoda.

143 Millionen Chinesen sind Single

Die chinesische Post rechnet mit über einer Milliarde versendeter Paketen an diesem Tag der Singles. Und Singles gibt es in der Volksrepublik eine Menge. Über 143 Millionen Chinesen gelten offiziel als alleinstehend. Sie machen elf Prozent von Chinas Gesamtbevölkerung aus. Und das in einem Land, in dem Ehe und Familie einen hohen Stellenwert haben. Doch vor allem Männer zwischen 30 und 40 haben es heutzutage schwer, eine Partnerin fürs Leben zu finden.

Die erst vor zwei Jahren offiziell abgeschaffte Ein-Kind-Politik lässt grüßen. Ihre Einführung vor 35 Jahren hat zu einem erheblichen Männerüberschuss geführt. Auf 100 Frauen kommen 117 Männer.

Im industriereichen Süden des Landes, am Perlflussdelta, wo es viele Fabriken und Wanderarbeiter gibt, leben und arbeiten besonders viele ungebundene Männer. Entsprechend hoch war in der Gegend die Konsumquote vergangenes Jahr am 11. November.

Immer mehr Chinesinnen wollen lieber Karriere machen

Aber auch unter Frauen wächst die Zahl der Singles. In den Großstädten geben immer mehr Frauen der Karriere den Vorrang anstatt zu heiraten und eine Familie zu gründen. Zudem ist die Scheidungsrate in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Vor 20 Jahren war das Ende einer Ehe noch undenkbar. Heute wird in China jede vierte Ehe geschieden.

Aus der Not haben die Online-Händler eine Tugend gemacht. Und freilich sind es längst nicht nur Singles, die an diesem Tag wie wild auf den einschlägigen Webseiten herumklicken und sich ihrem Konsumrausch hingeben. Auch liierte Konsumenten freuen sich über die vielen Rabatte im Netz.

Staatliche Zeitung kritisiert Konsumrausch

Das droht die Zahl der Singles aber noch mehr in die Höhe zu treiben. Das befürchtete zumindest die Zeitung „China Daily“. Das Staatsmedium hatte vor einem Jahr am 11. November in einem Bericht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der gestiegenen Scheidungsrate und dem immer stärker in China um sich greifenden Konsumrausch ausgemacht.

Der Materialismus habe einen schlechten Einfluss auf das Eheleben junger Menschen, schrieb das in Peking erscheinende englischsprachige Blatt. Das hielt sie im vergangenen Jahr dennoch nicht davon ab, zum 11. November mit ganzseitigen Anzeigen von Alibaba und anderen Online-Handelsplattformen auf den „Tag des Singles“ aufmerksam zu machen. „Shoppen macht glücklich“, lautete der Slogan einer Reklame.