Berlin

Vielen Ölstaaten droht Finanzdesaster

Niedrige Preise belasten die Förderländer. Doch die Verbraucher profitieren von günstigem Benzin

Berlin. Der Ölkrieg hat die alte Garde weggefegt. 20 Jahre hatte Ibrahim al-Assaf das saudi-arabische Finanzministerium geleitet. Vergangene Woche wurde er „seines Amtes enthoben“, hieß es offiziell und wenig gesichtswahrend. Schon im Mai war Ölminister Ali al-Naimi entlassen worden. Das hatte mit dem Tod von König Abdullah im Vorjahr zu tun. Seitdem baut der 31 Jahre junge zweite Kronprinz Muhammad Bin Salman die Regierung in seinem Sinne um. Das liegt auch daran, dass die alte Ministerrunde kein Rezept gefunden hat, Saudi-Arabiens wirtschaftlichen Niedergang zu verhindern, der eng mit dem Ölpreis verknüpft ist.

Elektromobilität kostet weitere Marktanteile

Vor etwa zwei Jahren war der Preis pro Barrel (159 Liter) am Weltmarkt in Sturzflug geraten und in kurzer Zeit von über 100 auf unter 50 Dollar gefallen. Dort steht er immer noch. Einer der Gründe: Saudi-Arabien weitete seine Ölproduktion trotz eines Überangebots aus. Ihre Produktion stieg von neun Millionen Fass pro Tag Anfang 2013 auf zuletzt knapp elf Millionen Fass.

Das Kalkül des früheren Ölministers: Neue Konkurrenten sollten aus dem Markt gedrängt werden. Insbesondere die US-Schieferölförderer, die seit etwa zehn Jahren mit wachsendem Erfolg Ölvorkommen ausbeuten, die früher als unzugänglich galten, weil der Rohstoff im Gestein gebunden ist. Beim „Fracking“ wird mit einem Chemie-Wasser-Cocktail das Gestein aufgesprengt, das Öl kann dann über präzise Horizontalbohrungen abfließen.

Wirkungslos blieb die Ölattacke der Saudis dennoch nicht. Seit dem Beginn des Preisverfalls sind die Fördermengen in den USA um zehn Prozent geschrumpft. Lange Zeit hatte es geheißen, unter 50 Dollar pro Fass müssten die meisten Schieferbohrer dichtmachen. Das ist nicht passiert. Zwar wurden wenig ertragreiche Quellen geschlossen, kleine Firmen gingen bankrott. Aber das Öl fließt weiter in hohen Mengen. Die US-Ölindustrie wurde beschädigt, hat aber hochflexibel reagiert.

Auch die übrige Ölindustrie hat gelitten. Exxon, der weltweit größte private Ölkonzern, kündigte hohe Abschreibungen auf seine Ölvorräte an. Die umweltschädliche Ausbeutung von Teersanden in Kanada lohnt kaum noch. Viele Fördervorhaben im Meer, wie in der Arktis, wurden gestrichen oder verschoben. Vergleicht man die alten Schätzungen der Internationalen Energie-Agentur mit ihren neuesten Prognosen, wird die Förderung außerhalb des Ölkartells Opec, zu dem auch Saudi-Arabien gehört, 2017 rund 2,5 Millionen Fass pro Tag niedriger liegen als noch 2014 erwartet. Gleichzeitig konnte die Opec entsprechende Marktanteilsgewinne verbuchen. 2017 wird sie laut der US-Energieagentur rund 40 von 97 Millionen Fass Öl produzieren.

Viele Experten erwarten, dass die Schieferöl-Industrie in den USA sogar gestärkt aus dem Preiskrieg hervorgeht, weil sie gezwungen wurde, Kosten zu senken. Und: Der globale Ölverbrauch steigt trotz der niedrigeren Preise kaum. „Die Konsumenten haben weder bei hohen Preisen ihren Verbrauch deutlich eingeschränkt, noch weiten sie ihn jetzt deutlich aus. Der niedrige Ölpreis hat keinen Run ausgelöst“, sagt Steffen Bukold, Leiter des Beratungshauses EnergyComment aus Hamburg. Sie freuen sich lediglich über die niedrigen Preise: 1,32 Euro mussten deutsche Autofahrer für einen Liter Benzin (E10) im Oktober laut ADAC im Schnitt bezahlen, 20 Cent weniger als im Sommer 2014.

Aus Kraftwerken ist Öl nach den Preisschocks der 70er-Jahre weitgehend verschwunden. Nun folgt der Verkehr. Elektroautos, so Bukold, würden sich langsam durchsetzen. Dabei helfen immer attraktivere Modelle. Zudem schieben viele Staaten die Nachfrage an. Auch in Deutschland gibt es eine Kaufprämie. In China soll ein Quotenmodell eingeführt werden. „Elektroautos sind auf ewig verlorene Nachfrage für die Ölförderländer“, sagt Bukold. Der Weltenergierat erwartet laut der jüngsten Prognose, dass der globale Höchststand beim Ölverbrauch 2030 erreicht sein könnte und es danach bergab gehe.

Verheerende Wirkung hatte der Ölpreiskrieg somit vor allem auf die Staatshaushalte der Förderländer. Venezuela steht vor dem Kollaps. Russland droht die Überschuldung. Und auch Saudi-Arabien ist schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. 2015 betrug das Staatsdefizit fast 100 Milliarden Dollar. Kronprinz bin Salman greift nun deshalb zu schmerzhaften Reformen und senkt die Gehälter für die bislang gut versorgten Staatsbediensteten. Millionen ausländische Arbeitskräfte verlassen das Land.

War das Anfachen eines Preiskriegs also ein schwerer taktischer Missgriff? Schieferöl-Pionier Harold Hamm, der Chef des US-Ölunternehmens Continental Resources, spricht von einem „Trillionen-Dollar-Fehler“ der Saudis, die versucht hätten, die US-Ölindustrie zu „ertränken“, aber gescheitert seien.

Mit einer auf Öl basierenden Wirtschaft ist man eben nicht zukunftsfest. Einer der Vorgänger des kürzlich geschassten saudischen Ölminister sagte, die Steinzeit habe nicht aus einem Mangel an Steinen geendet. „Und das Ölzeitalter wird nicht wegen Ölmangels enden“, so Ahmed Zaki Yamani.