Berlin

Fahrt auf Sicht bei Tengelmann

Der Verkauf der Filialen an Edeka ist angeblich perfekt. Doch vor allem der Betriebsrat bangt noch um die Jobs

Berlin. Ein Euro für Gerhard Schröder – dieses symbolische Honorar steckte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) dem Altkanzler nach dessen Erfolg bei der Kaiser’s-Tengelmann-Schlichtung zu. Als Beobachter noch darüber rätselten, wie hoch Schröders Mission tatsächlich dotiert sein mag, stellten Betriebsräte und Gewerkschaften die Kernfrage: Sind jetzt tatsächlich alle 15.000 Arbeitsplätze gerettet? Auf der Arbeitnehmerseite gibt es noch Zweifel.

Nach monatelangem Ringen um die Zukunft der defizitären Supermarktkette hatten sich Tengelmann, Edeka und Rewe auf einen Interessensausgleich geeinigt – kurz vor der Zerschlagung von Kaiser’s. Über den konkreten Inhalt wurde Stillschweigen vereinbart. Zu hören ist, dass Edeka, Deutschlands größter Lebensmittelhändler, die rund 400 verbliebenen Kaiser’s-Filialen zunächst komplett übernimmt – um dann das Gros der Berliner Läden an den Branchenzweiten Rewe weiterzugeben. Das Geschäft mit den Hauptstadtfilialen brächte Rewe dem Vernehmen nach einen zusätzlichen Bruttoumsatz von rund 300 Millionen Euro pro Jahr. Die Märkte in Bayern würden wie auch die schwächelnden Filialen in Nordrhein-Westfalen, die Zentrale Verwaltung, Logistik und die Fleischfabriken bei Edeka bleiben. Für die vergleichsweise lukrativen Berliner Filialen wird eine Ausgleichszahlung von Rewe an Edeka fällig. Die Summe wird derzeit berechnet, Filialumsätze und -potenziale spielen dabei eine Rolle. An dem Vertragswerk bastelt die Anwaltskanzlei Latham & Watkins. „Im Großen und Ganzen steht der Interessensausgleich“, hieß es von Eingeweihten mit direkter Verbindung zum Verhandlungstisch. Die maßgeblichen Eckpunkte seien „von allen Beteiligten unterschrieben und bindend“.

Nach Informationen dieser Zeitung saß das Kartellamt während der Schlichtung mit am Tisch. Die Behörde habe sich den Interessen der Beteiligten gegenüber aufgeschlossen gezeigt – so aufgeschlossen, dass „aus dieser Richtung wohl keine Einsprüche zu erwarten“ wären, hieß es. Auch Vertreter der Gewerkschaft Verdi nahmen an den Gesprächen teil.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Tengelmann-Betriebsrat hegen noch Bedenken. DGB-Chef Reiner Hoffmann erinnerte an Rückschläge nach früheren Signalen der Hoffnung. Die Chancen zur Rettung der Arbeitsplätze seien nun aber „auf jeden Fall deutlich besser“. Für den Berliner Tengelmann-Betriebsrat ärgerte sich Volker Bohne darüber, „unverschämterweise“ keine Details zur Aufteilung der Filialen in der Hauptstadt zu kennen.

Als Faustpfand für die 15.000 Tengelmann-Beschäftigten gilt Gabriels Versprechen, ihnen stehe ein ruhiges Weihnachtsfest ohne Angst um den Arbeitsplatz bevor. Wenn der Wirtschaftsminister sich hinstelle und öffentlich sage, es gebe „keine Stolpersteine“ mehr, sei das eine Art Jobgarantie, heißt es aus dem Schlichtungsumfeld.