Berlin/Frankfurt

Ryanair greift Lufthansa direkt an

Billigflieger startet ab 2017 aus Frankfurt/Main und stationiert Maschinen dort. Erste Ziele liegen in Spanien

Berlin/Frankfurt. Es geht zunächst nur um sehr wenige Maschinen, aber was Ryanair an diesem Mittwoch gemeinsam mit dem Flughafenbetreiber Fraport verkünden wird, ist für den deutschen Flugverkehr eine Sensation: Erstmals wird der größte europäische Billigflieger Flugzeuge am größten deutschen Flughafen in Frankfurt/Main stationieren. Mit dem Beginn des Sommerflugplans am 26. März 2017 sollen die Maschinen zunächst offenbar Ziele in Spanien ansteuern. Und: Ryanair greift die große Lufthansa auf ihrem Heimatflughafen an.

Ryanair umwirbt den Geschäftskunden

Bisher hatten die Iren den Frankfurter Flughafen immer umflogen – unter anderem wegen der vergleichsweise hohen Gebühren und der langen Wendezeiten. Je kürzer diese Zeitspanne zwischen Landen und neuem Start einer Maschine ist, desto effizienter wird sie eingesetzt – ein wichtiger Punkt in Ryanairs Geschäftsmodell.

Inzwischen hat sich die Strategie Ryanairs grundlegend gewandelt. Das Unternehmen setzt auch auf Geschäftskunden, bietet deutlich mehr Service als vorher und versucht, nicht mehr nur abgelegene Regionalflughäfen wie Weeze am Niederrhein oder Frankfurt-Hahn zu nutzen, ein Flughafen der mehr als 120 Kilometer entfernt von Frankfurt/Main in den bewaldeten Hügeln des Hunsrück liegt.

Die Iren drängen deshalb in die großen deutschen Verkehrsflughäfen und bauen ihr Geschäft an den Standorten, an denen sie bereits sind, aus. So sind bereits neun Maschinen in Berlin-Schönefeld stationiert, seit dieser Woche ist auch Hamburg ein Standort des Billigfliegers. Und jetzt kommt noch Frankfurt/Main hinzu.

Offenbar ist Fraport den Iren entgegengekommen. Angeblich, so ist zu hören, soll Flughafenchef Stefan Schulte Ryanair eine 35-Minuten-Wendezeit zugesagt haben. Außerdem gewährt das Unternehmen Neukunden Gebührenrabatt. Auch nutzt es Ryanair, dass sich Air Berlin in Teilen aus Frankfurt zurückzieht und entsprechend Slots für Starts und Landungen frei werden. Für den ohnehin schwer angeschlagenen Flughafen Hahn dürfte die Entscheidung Ryanairs ein herber Schlag sein – der Standort lebt von dem Billigflieger.

Auch für Fraport sind die Ryanair-Starts ein Strategiewechsel. Bisher hatte der Flughafen das Billigflugsegment eher ignoriert. Schulte hatte allerdings auf der Hauptversammlung im Mai angedeutet, der Betreiber werde nicht umhinkommen, sich künftig stärker damit zu befassen. Schulte will so unabhängiger von seinem Hauptkunden Lufthansa werden: 60 Prozent der Passagiere am Frankfurter Flughafen fliegen mit Lufthansa. Billigflieger haben nur einen Anteil von vier Prozent, bisher etwa fliegen die spanische Vueling und die isländische Wow Air Frankfurt direkt an – im Vergleich zu Ryanair eher kleine Anbieter.

20 bis 30 Prozent Anteil des Billigflugsegments seien an anderen Flughäfen üblich, hatte Fraport-Chef Schulte gesagt. Eine Zielmarke, die womöglich auch der Fraport-Chef anstrebt. Denn sollte sich das Geschäft für Ryanair in Frankfurt gut entwickeln, könnte die Fluggesellschaft bis zu acht Flugzeuge stationieren und zunächst weitere Ziele in Spanien und Portugal ansteuern.

Für Lufthansa wird der Wettbewerb mit den Billigfliegern damit härter. Deutschlands Nummer eins versucht gerade, sich mit Tochterunternehmen Eurowings gegen die Günstig-Konkurrenten aus Europa zu positionieren. Doch das ist ein mühsamer Weg: Eurowings fliegt zwar billiger als die Konzernmutter Lufthansa, aber immer noch deutlich teurer als etwa Ryanair und Easyjet. Lufthansa strebt für Eurowings Kosten an, die um bis zu 40 Prozent unter denen der Mutter liegen. Wie schwer es ist, dieses Ziel zu erreichen, ist gerade in diesen Tagen zu beobachten. Erst vergangene Woche hatte die Flugbegleitergewerkschaft Ufo im Tarifstreit Eurowings lahmgelegt, weil sie vermeiden will, dass die Lohnstrukturen und Arbeitsbedingungen sich zu stark verändern.

Lufthansa muss sich nicht nur der Iren erwehren, auch am zweitgrößten deutschen Flughafen in München rücken ihr die Konkurrenten nahe. Easyjet und die niederländische Transavia, ein Tochterunternehmen von KLM/Air France, starten vom zweitwichtigsten Drehkreuz des Konzerns aus – und bauen aus.