Frankfurt

Der Dompteur der Finanzmärkte

Seit fünf Jahren bekämpft EZB-Präsident Draghi die Finanzkrise, doch seine Waffen werden zum Bumerang

Frankfurt. Seit fünf Jahren sinken in Europa die Zinsen, genau so lange ist Mario Draghi im Amt. „Super Mario“, sagen seine Freunde, habe selbst vor unmöglichen Aufgaben keine Angst. Furcht hatten aber die stabilitätsbedachten Deutschen, als er am 1. November vor fünf Jahren Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) wurde. Denn sie argwöhnten, dass er es mit der Inflationsbekämpfung nicht ernst meine. Und prompt senkte Draghi drei Tage nach Amtsantritt die Zinsen – von 1,5 auf 1,25 Prozent. So ging es weiter, bis die EZB im Frühjahr dieses Jahres den Leitzins sogar auf null absenkte.

Der Finanzwelt demonstrierte Draghi im dramatischen Sommer 2012 mit wenigen Worten seine Macht: Der Euro drohte zu scheitern, eine Finanzkrise war zu erwarten – und Draghi sagte, die EZB werde ab sofort alles tun („whatever it takes“), um den Euro zu retten. „Und glauben Sie mir“, fügte Draghi hinzu, „es wird genug sein.“ Er meinte den Kauf von Staatspapieren durch die EZB in gigantischem Ausmaß. Seine Worte beendeten die Spekulation gegen ganze Volkswirtschaften. Draghi, der Dompteur der Märkte, war geboren.

Wer sparen will, verliertdurch Draghis Politik viel Geld

„Er hat als Notarzt sehr gute Arbeit geleistet, er hat die Institution EZB handlungsfähig erhalten und sich auch handlungsfähig gezeigt“, urteilt Uwe Burkert, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg. Ökonom Christian Lips von der NordLB vergleicht den EZB-Präsidenten mit einem Feuerwehrmann: „Es brannte lichterloh, Mario Draghi hat kräftig gelöscht, Liquidität in die Märkte gepumpt.“ Genau das wird jetzt aber zum Problem, denn die Inflation, wichtig für das Wirtschaftswachstum, will nicht anspringen. Zwar kletterte sie in Deutschland auf 0,8 Prozent, aber das ist weit weg vom Ziel der EZB von nahe zwei Prozent.

Deshalb bleibt die Zentralbank bei ihrer lockeren Geldpolitik, mit teils bizarren Folgen für Sparer, Wirtschafts- und Finanzwelt. Banken müssen Strafzinsen zahlen, wenn sie über Nacht Geld bei der EZB parken. Die EZB flutet derweil die Finanzmärkte weiter mit Geld: Monatlich kauft sie Staats- und inzwischen auch Unternehmensanleihen im Volumen von 80 Milliarden Euro auf. Jetzt werden auch die negativen Folgen dieser Geldflut sichtbar: „Die Geldpolitik verliert offenbar ihre Wirkung. Die Kurse der Wertpapiere steigen nicht mehr so stark an“, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz. Die Notenbank wolle mit ihrer Politik vor allem den Krisenländern in Südeuropa helfen, sagt Gerhard Grandke, Präsident des Sparkassen- und Giroverbands Hessen-Thüringen. Die niedrigen Zinsen seien politisch gewollt. „Wenn wir Marktzinsen hätten, hätten wir eine völlig unterschiedliche Situation in Süd-, aber auch in Nordeuropa“, sagt Grandke. Die realen Unterschiede würden durch die Geldpolitik der EZB nivelliert.

Eine Folge von Draghis Politik: Wer in sichere Anlagen investieren möchte, muss dafür zahlen. Die deutschen Bundesanleihen etwa sind bis zur Restlaufzeit von acht Jahren negativ. Anleger zahlen drauf, obwohl sie dem deutschen Staat Geld leihen. Umgekehrt kann Finanzminister Wolfgang Schäuble sich über Einnahmen freuen, anstatt Zinsen zu zahlen. Auch das erleichtert die Haushaltsführung. Eine schwarze Null zu schreiben, erfordert da nicht besonders viel Geschick.

Auch hoch verschuldete Länder profitieren, denn der Schuldendienst ist durch den Niedrigzins erleichtert. Gleichzeitig ist es dadurch sehr verführerisch, neue Schulden aufzuhäufen. Deshalb mahnen selbst EZB-Ratsmitglieder wie Yves Mersch vor den Nebenwirkungen einer länger andauernden ultralockeren Geldpolitik. Sie allein könne nicht für mehr Wachstum sorgen, zusätzlich seien Arbeitsmarktreformen notwendig, meint Mersch.

So profitieren von der Geldflut vor allem die großen Kreditnehmer und Großanleger. Unternehmen können mit dem billigen Geld auf Shopping-Tour gehen. Beispiele sind etwa der Pharmakonzern Bayer, der den Saatguthersteller Monsanto gekauft hat, oder die Deutsche Börse, die gern mit der Londoner Börse fusionieren möchte. Ob sich Firmen dabei nicht verheben, wird sich erst langfristig zeigen.

Wer sparen will, Vermögen aufbauen oder fürs Alter vorsorgen, der leidet unter Draghis Geldpolitik. „Es gibt einen fast schon epischen Anlagenotstand“, sagt Ulf Krauss, Rentenexperte der Helaba, der Landesbank Hessen-Thüringen. „Die Leute wissen nicht mehr, wohin mit ihrem Geld.“ Das bringe erhebliche Risiken mit sich.

Rund 80 Prozent der Deutschen legten ihr Geld festverzinslich an, sagt Robert Halver, Chefanlagestratege der Baader Bank. Für diese Mehrheit der Bevölkerung hat Draghis Politik verheerende Folgen: „Altersvorsorge mit Zinssparen – das ist eine geplante Vermögensvernichtung“, sagt der Experte. Vor allem, seitdem die Inflation wieder anzieht. Sparer verlieren ihr Geld, wenn sie in Tages- oder Festgelder investieren. Dafür machen viele den EZB-Präsidenten verantwortlich. Aber noch ist die Angst vor dem großen Finanzcrash da – noch gibt es keinen besseren Dompteur der Märkte als Draghi.