Chancengleichheit

Erst in 170 Jahren sind Männer und Frauen gleichgestellt

Frauen und Männer haben laut einer Studie noch lange nicht die gleichen Chancen. Erst in Hunderten von Jahren soll es soweit sein.

In Deutschland verdienen Frauen im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer.

In Deutschland verdienen Frauen im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer.

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Berlin.  Das Jahr 2186 wird denkwürdig. Dann nämlich , also in 170 Jahren, soll die Kluft zwischen Männern und Frauen im Job überwunden sein. Das geht aus dem knapp 400-seitigen „Global Gender Gap Report 2016“ hervor, den das Weltwirtschaftsforum (WEF) am Mittwoch veröffentlicht hat.

Die Bilanz der Autoren ist alarmierend: Das Bemühen, die wirtschaftlichen Chancen von Frauen und Männern anzugleichen, habe sich weltweit „dramatisch“ verlangsamt. Die Menschheit verschenke Talente, wenn sie den sogenannte Gender-Gap – also die Unterschiede zwischen Männern und Frauen – nicht entschlossener bekämpfe, heißt es weiter.

Im vergangenen Jahr hatten die WEF-Experten noch damit gerechnet, dass es 118 Jahren dauern würde, um die Lücke zwischen den Geschlechtern in ökonomischen Belangen zu schließen. Jedes Jahr durchforsten die Autoren riesige, weltweit verfügbare Datenmengen vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, von der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Arbeitsorganisation.

Fortschritte bei der Alphabetisierung

Die Forscher machten allerdings nicht nur Rückschläge aus. So gibt es bei der Lebenserwartung weltweit kaum mehr Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Ähnliches gilt in den Bereichen Alphabetisierung und Ausbildung. In 95 der untersuchten 144 Länder besuchen mittlerweile genauso viele – manchmal sogar mehr – Frauen als Männer Universitäten.

Im Arbeitsleben allerdings ändert sich trotz ähnlicher Bildungschancen wenig. In Deutschland etwa verdienen Frauen laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer.

Das hängt auch damit zusammen, dass sie öfter in Teilzeit arbeiten und häufiger Jobs in schlechter bezahlten Branchen annehmen. Doch auch wenn diese Faktoren herausgerechnet werden, bleibt eine Differenz von bis zu acht Prozent zwischen den Geschlechtern bestehen.

Frauen sitzen noch immer seltener in Chefetagen und haben weniger Führungspositionen. Auch die Lücke beim Lohn ist groß. Weltweit verdienen Frauen nur gut halb so viel wie Männer. Berufstätig sind nur 54 Prozent der Frauen, dagegen 81 Prozent der Männer.

Gesetz für faire Gehälter gefordert

„Das sind zum einen Spätfolgen der Wirtschaftskrise“, sagt Till Leopold, Ökonom beim Weltwirtschaftsforum und Co-Autor der Studie. Zum anderen werde es nach ersten Erfolgen schwieriger, Fortschritte zu machen: „Sie müssen dann an die Strukturen ran.“ Die Wissenschaftler untersuchten auch, ob die Politik vor allem von Frauen oder Männern dominiert ist.

Zwar war 2006 die Kluft nur zu 13 Prozent geschlossen, heute ist sie es zu 23 Prozent. Im globalen Maßstab geht es aber nirgends so ungleich zu wie bei der politischen Beteiligung. Deutschland landet in dieser Kategorie auf Platz zehn, in der Gesamtwertung auf Platz dreizehn.

2006, im ersten Jahr des Reports, schaffte es das Land noch auf Platz fünf. „Das ist ein ziemlich blamables Ergebnis für Deutschland“, sagt die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders. Sie fordert zudem ein „wirksames Gesetz“ für Lohntransparenz und faire Gehälter.