Berlin/Peking

China kauft sich in Deutschland ein

Der Fall des Chipbauers Aixtron zeigt die Risiken bei Firmen-Übernahmen durch Investoren der Volksrepublik

Berlin/Peking. Wieder einmal schien alles für China zu laufen. Und jetzt das: Der US-Geheimdienst soll die geplante Übernahme des kriselnden Chipbauers Aixtron durch einen chinesischen Investor gestoppt haben. Die Amerikaner hätten Ermittlungsergebnisse vorgelegt, wonach Aixtron-Produkte auch militärisch genutzt werden könnten, berichtete das „Handelsblatt“ unter Berufung auf deutsche Geheimdienstkreise. Washington befürchte, dass China Chips von Aixtron für sein Nuklearprogramm nutzt. Es könnte ein Wendepunkt sein bei der großen Einkaufstour chinesischer Investoren.

Das Bundeswirtschaftsministerium hatte schon am Freitag seine Unbedenklichkeitsbescheinigung gegen einen Verkauf nach China zurückgezogen. „Zu Art oder Herkunft der Informationen kann ich keine Angaben machen“, sagte eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) am Mittwoch. Sie bejahte die Frage, ob Erkenntnisse ausländischer Geheimdienste eine Rolle bei solchen Bewertungen spielten. Zu Details wollte sie sich aber nicht äußern. Auch zur Dauer des Verfahrens wollte sie nichts sagen: „Solche Prüfverfahren dauern so lange, wie sie dauern.“ Man habe noch nicht alle nötigen Informationen. Danach habe man „einen Monat plus zwei Monate“ Zeit zu prüfen.

Nach Darstellung der Chinesen stehen Sorgen um sensible Verteidigungstechnologien der Übernahme im Weg. Der Investor Fujian Grand Chip (FGC) hält das Kaufangebot dennoch aufrecht und will die Ergebnisse der Annahmefrist am heutigen Donnerstag mitteilen. Vom 28. Oktober bis zum 10. November gebe es dann eine weitere Annahmefrist. Die Chinesen hatten Ende Juli ein 670 Millionen Euro schweres Kaufangebot für Aixtron abgegeben: sechs Euro je Aktie. Zuletzt hatte es noch so ausgesehen, als wäre der Investor fast am Ziel. Bis Ende vergangener Woche waren FGC eigenen Angaben zufolge rund 65 Prozent der Anteile angeboten worden. Aixtron stellt Produktionsmaschinen für die Chipindustrie her, steckt aber in den roten Zahlen. Das Management hatte die Annahme der Offerte empfohlen.

Peking gibt 1,3 Billionen Dollar für weitere Investitionen

Derzeit vergeht kaum eine Woche ohne Übernahme einer westlichen Firma durch einen chinesischen Investoren. Zuletzt sicherte sich China Oceanwide mit Genworth Financial einen der führenden US-Versicherer für rund 2,7 Milliarden US-Dollar. Die Übernahme des Augsburger Roboterbauers Kuka durch den chinesischen Elektrohersteller Midea für über vier Milliarden Dollar hatte im Sommer für Aufsehen gesorgt. Es sind nur zwei Abschlüsse einer groß angelegten Einkaufstour.

Nach Angaben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young haben chinesische Unternehmen in den ersten sechs Monaten allein in Deutschland über zehn Milliarden Dollar investiert – und damit mehr als 20-mal so viel wie im gesamten Vorjahr. Sie kauften fast genauso viele deutsche Firmen oder beteiligten sich an ihnen wie im Gesamtjahr 2015. Insgesamt stiegen die Chinesen in 37 deutsche Unternehmen ein oder kauften sie ganz. „Chinesische Unternehmen blicken auf ihrer Suche nach Akquisitionen bereits seit geraumer Zeit intensiv auf Europa und insbesondere auf Deutschland“, analysiert Alexander Kron von Ernst & Young.

Hinter den Zukäufen steckt staatliche Strategie. Seit Jahren müht sich die kommunistische Führung, in Schlüsselbranchen westliches Know-how anzuziehen. China soll nicht wie bisher nur Werkbank der Welt sein, sondern auch zu einer globalen Ideenschmiede aufsteigen. Die Führung in Peking hat eine Liste von zukunftsträchtigen Branchen erstellt, in die nicht nur die Staats-, sondern auch die chinesischen Privatunternehmen verstärkt investieren sollen, darunter Biotechnologie, Medizintechnik und Mikroelektronik.

Zugleich verfügt China über gigantische Devisen. Und da Staat und Wirtschaft in der Volksrepublik eng verbandelt sind, macht es kaum einen Unterschied, ob hinter den Investoren ein Staatsunternehmen wie im Fall ChemChina steht oder ein Privatunternehmen wie die HNA-Gruppe. Unterstützt werden sie von Peking alle. Von einer „neuen Ära des chinesischen Kapitals“ sprechen die Chinaforscher des unabhängigen Forschungsinstituts Merics in Berlin. „China gehört zu den drei größten Auslandsinvestoren weltweit.“ Und das ist erst der Anfang: Chinas Präsident Xi Jinping hat für die kommenden zehn Jahre Auslandsinvestitionen seines Landes in Höhe von 1,3 Billionen Dollar angekündigt.

Was die Volksrepublik von Investoren anderer Länder unterscheidet: China verzerrt den Wettbewerb, indem eigene Unternehmen subventioniert und ausländische Mitbewerber behindert werden. Umgekehrt verschließt sich China ausländischen Direktinvestitionen in einer Reihe von Schlüsselbranchen, vor allem im Bank- und Finanzsektor. Andere Branchen zwingt die Führung in Peking zur Kooperation mit chinesischen Partnern.

Einige westliche Vorbehalte konnte China widerlegen. Den Investoren gehe es nicht um den Abzug von Know-how, meinen die Merics-Forscher. Vielmehr seien sie bei ihren Übernahmen daran interessiert, die bestehenden Strukturen zu erhalten. 1000 Projekte hat Merics untersucht und festgestellt: Zumindest bislang haben chinesische Investitionen keinen negativen Einfluss auf die lokale Beschäftigungslage oder die Innovationsfähigkeit.