Berlin/Washington

Wells-Fargo-Chef stürzt über falsche Konten

Die Bank Wells Fargo hat Millionen mit falschen Konten verdient. Der Betrug flog auf, der Chef geht. 130 Millionen Dollar nimmt er mit.

Berlin/Washington. In einem Lucky-Luke-Comic schickt die Bank Wells Fargo eine vermeintlich mit Gold beladene Postkutsche von Denver nach San Francisco. Der einsame Cowboy Luke soll dafür sorgen, dass die Kutsche nicht überfallen und ausgeraubt wird. Die Bank will so Kundenvertrauen aufbauen. „Wells Fargo kommt immer durch“, heißt ihr Slogan im Comic-Klassiker. Als tatsächlich ein Räuber auftaucht, stellt sich heraus: Gold ist gar nicht an Bord.

Ein ähnlicher Trick im wahren Leben kostete jetzt den Boss von Wells Fargo seinen Job. Weil Amerikas drittgrößte Bank unter seiner Regie zwei Millionen Konten führte, die es nicht gab, räumte John Stumpf den Chefsessel. Mit einem kurzen Brief verabschiedete sich der Farmer-Sohn aus Minnesota von der Wells-Fargo-Spitze. Vier Wochen nach Bekanntwerden eines perfiden Kundenbetrugs verlässt er das Kreditinstitut, nach über 30 Jahren.

Lädiert wirkte der 63-Jährige schon länger – nicht nur wegen der Armschiene, die er trug, seit er sich beim Spielen mit den Enkeln verletzt habe, wie es offiziell hieß. Als sich Stumpf vor einigen Tagen den Mitgliedern der Bankenausschüsse im Kongress erklärte, streute er auch kiloweise Asche auf sein Haupt. Doch einen Rückzug schloss er da noch aus. Nach dem Skandal mit zwei Millionen gebührenträchtigen Giro- und Kreditkartenkonten, die Wells-Fargo-Berater seit 2011 hinter dem Rücken von Kunden eingerichtet hatten, kündigte er eine rigorose Inventur aller Verkaufspraktiken an. „Unethisches Verhalten wird nicht länger geduldet“, sagte der kleine Mann mit dem weißen Haar, „das können wir uns nicht leisten.“

Bei der Anhörung führte Stumpf die 185-Millionen-Dollar-Strafe an, die dem Konzern von staatlichen Stellen aufgebrummt wurde. Und den eingebrochenen Börsenkurs, der zwischenzeitlich einem Wertverlust von 30 Milliarden Dollar gleichkam. Tenor: Wir sind doch schon genug gestraft.

Doch viele Abgeordnete äußerten in den an Schauprozesse erinnernden Vernehmungen Zweifel an der Einsichtigkeit des Chefs, der zuvor über 5300 Angestellte ausschließlich unterer Hierarchie-Ebenen feuern ließ. Die Folgen der „verrotteten Unternehmenskultur“ schmerzten offenbar nicht genug, sagte Andy Barr. Der Republikaner aus Kentucky traf mit seiner Vermutung ins Schwarze.

Nach Berichten von ehemaligen Bankangestellten erinnert die Methode des Kundenbetrugs an das Gebaren von Drückerkolonnen. Danach mussten die Kundenberater monatliche Fixzahlen bei Kontoabschlüssen erreichen. Wurden die Ziele verfehlt, so ein ehemaliger Wells-Fargo-Mitarbeiter aus Philadelphia, „wurde uns damit gedroht, dass wir demnächst bei McDonalds arbeiten“.

37.500 Dollar Zulage für diegewünschten Abschlüsse

Wer die interne Planwirtschaft befolgte, konnte dagegen mit erheblichen Zulagen rechnen. Beispiel: Bei einem Jahresgehalt von rund 50.000 Dollar für einen Angestellten vom Typ „Personal Banker 2“ war bei Abschluss von genügend Konten oder Darlehen ein Zuschlag von 37.500 Dollar drin. So angespornt, schwätzten Banker ihren Kunden unter anderem 85.000 unautorisierte Konten und 14.000 Kreditkarten auf. Die Gebühreneinnahmen beliefen sich allein dadurch auf rund 2,5 Millionen Dollar.

In den Kongressanhörungen wurde Vorstandschef Stumpf vorgeworfen, die höheren Managementebenen zu schonen und nur das schwächste Glied in der Kette zu bestrafen: die zur „Plansollerfüllung“ gedrängten Mitarbeiter in den Filialen. Der scheidende Wells-Fargo-Chef wies die Anschuldigungen damals zurück, sprach mehrfach von einigen „faulen Äpfeln“ und betonte, das Gros der 260.000 Mitarbeiter zählenden Belegschaft arbeite hochanständig.

Die demokratische Senatorin Elizabeth Warren machte Stumpf persönlich für den Betrug verantwortlich und forderte vehement dessen Rücktritt. Ein Grund: Wells Fargo geriet in der Vergangenheit immer wieder mit den Aufsichtsbehörden aneinander und zahlte nach Berechnungen des republikanischen Abgeordneten Steve Pearce in außergerichtlichen Vergleichen über zehn Milliarden Dollar. „Was hat sie diesmal wegsehen lassen über so viele Jahre?“, fragte er Stumpf, der eine Antwort schuldig blieb. Ein demokratischer Kollege fügte hinzu: „Sind Sie ein Krimineller?“ Stumpf wies das mit stiller Empörung zurück.

Um den Druck zu senken, verzichtete Stumpf zuletzt auf Aktienoptionen im Wert von 41 Millionen Dollar und diverse Boni für das laufende Jahr. Retten konnte ihn das Manöver nicht mehr. Am späten Mittwochabend erklärte der seit fast zehn Jahren an der Spitze amtierende Manager: „Ich habe entschieden, dass es das beste für das Unternehmen ist, wenn ich Platz mache.“ Sein Nachfolger ist Tim Sloan, der bislang das Tagesgeschäft verantwortete.

Zum Ausstand fährt keine Postkutsche bei Stumpf vor. Vergoldet wird ihm der Abgang dennoch. Sein geschätztes Trostpflaster: rund 130 Millionen Dollar.