Offline-Geschäft

Amazon plant Supermärkte mit Drive-In wie bei McDonald’s

Versandriese Amazon will Kunden ihre Lebensmittel direkt ins Auto legen – zunächst in den USA und in London. Bald auch in Deutschland?

Amazon Fresh liefert US-Kunden online bestellte Lebensmittel binnen eines Tages. Jetzt sollen Abholmärkte hinzukommen

Amazon Fresh liefert US-Kunden online bestellte Lebensmittel binnen eines Tages. Jetzt sollen Abholmärkte hinzukommen

Foto: Getty Images / Getty Images News/Getty Images

Washington/Berlin.  Auf dem Nachhauseweg von der Arbeit mit dem Smartphone schnell Eier, Wurst, Käse und ein Sixpack Bier ordern? Danach ohne Einkaufswagengeschiebe und Gedränge an der Supermarktkasse zu einer fest vereinbarten Zeit auf einem Parkplatz vorfahren und die frische Ware in den Kofferraum geladen kriegen? Das Internetkaufhaus Amazon geht davon aus, dass Millionen Berufspendler so ein Dienstleistungsangebot nutzen würden.

Am Stammsitz des Unternehmens in Seattle und in Sunnyvale bei San Francisco will Amazon demnächst entsprechende Pionier-Supermärkte eröffnen und sich damit langfristig eine große Scheibe vom milliardenschweren Lebensmittel-Markt abschneiden.

Kundenerkennung per Autokennzeichen

Kunden sollen die neuen „Convenience Stores“ wie traditionelle Supermärkte benutzen können; also hineingehen und die Waren nach vorheriger Bestellung über das Handy oder besondere Touchscreen-Computer eigenhändig abholen und verstauen. Wer es eilig hat, kann – analog zum Drive-in-Schalter bei McDonalds – hinterm Steuer sitzen bleiben, bis Amazon-Mitarbeiter die gewünschte Lieferung zu einem vorher vereinbarten Zeitpunkt ans Auto bringen. Amazon erkennt den Kunden mittels einer Technologie, die das Nummernschild liest.

Denkbar sei auch der Einkauf außerhalb normaler Öffnungszeiten, etwa nachts. Dabei würde Amazon das in Deutschland bereits in München erprobte Konzept „Locker“ einsetzen. An einigen Shell-Tankstellen in der bayrischen Landeshauptstadt können Amazon-Kunden sich Pakete anliefern lassen. Zugang zu den gelben Metallboxen erhält man mit einem individuellen Abholcode.

Amazon hält neue Ideen gerne länger zurück

Der neue Supermarkt-Service, intern „Project Como“ genannt, soll im ersten Schritt nur den Abonnenten des in acht US-Städten und in London eingeführten Amazon-Fresh-Angebots zur Verfügung stehen. Dieses ermöglicht Nutzern des schnellen „Prime“-Services (99 Dollar pro Jahr) für eine monatliche Gebühr von 15 Dollar die Lieferung von Lebensmitteln binnen eines Tages per Versand.

Amazon, notorisch zugeknöpft bei neuen Ideen, lehnte einen Kommentar zum Stand der Vorbereitungen ab. Insider erinnert das Vorgehen an die Eröffnung des ersten echten Buchladens von Amazon in der Nähe der Universität von Seattle im vergangenen November. „Sie testen erst lange und ausgiebig im stillen Kämmerlein“, sagt ein Journalist der Seattle Times, „erst dann kommen sie damit auf den Markt.“

Amazon greift Wal-Mart direkt an

Mit der neuen Strategie begibt sich Amazon in direkte Konkurrenz zu Branchenriesen wie Costco, Giant, Kroger und nicht zuletzt Wal-Mart. Der größte Lebensmittelhändler in den Vereinigten Staaten will bis Ende 2017 rund 1000 seiner 4600 Läden mit intelligenten Abholstationen ausrüsten. Dafür hat sich der Konzern unlängst den E-Kommerz-Anbieter jet.com einverleibt.

Amazon hat dagegen im Online-Geschäft mit Frische-Produkten bereits die Pole-Position. Von gut fünf Milliarden Dollar Umsatz entfielen zuletzt rund zwei Milliarden Dollar auf den von Multimilliardär Jeff Bezos geführten Konzern.

Deutschland-Debüt nur eine Frage der Zeit

Markt-Analysten in den USA prophezeien dem Geschäft mit Frischwaren mittelfristig ein Volumen von über 40 Milliarden Dollar. Derzeit macht der Vertrieb von Lebensmitteln in den USA zwei Prozent des Online-Handels aus, in Deutschland liegt der Anteil nur bei einem Prozent.

Weil Amazon im Versandgeschäft als technisch unerreicht gilt, gehen Branchen-Beobachter davon aus, dass der Konzern in Zukunft auch auf dem deutschen Markt aktiv wird. Dessen 180 Milliarden Umsatz im Jahr teilen sich derzeit noch Edeka, Rewe, Lidl und Aldi. Spielte Amazon mit, würde sich die Lage schlagartig ändern. Es drohe ein verschärfter Kampf um Marktanteile; der ohnehin harte Wettbewerb im Lebensmittelhandel würde noch weiter angeheizt, heißt es etwa aus dem Handelsverband Deutschland.