Frankfurt/Main

Lufthansa schluckt Brussels Airlines

Übernahme der belgischen Fluggesellschaft soll neue Märkte in Europa und Afrika erschließen

Frankfurt/Main. Es bewegt sich etwas am Himmel über Deutschland. Lufthansa ist zwar immer noch das größte Luftverkehrsunternehmen in Europa, aber es will und muss weiter wachsen. Seit Jahren tritt es im Wettbewerb gegen zwei Gruppen an: die Premium-Fluggesellschaften vor allem aus dem Mittleren Osten bei Fernflügen und die Billigflieger bei Kurz- und Mittelstrecken. Vor allem Ryanair und Easyjet will sich Lufthansa nicht geschlagen geben. Dafür muss die verhältnismäßig neue Tochter Eurowings möglichst schnell wachsen – durch den Zukauf von Brussels Airlines und die Übernahme von bis zu 40 Fliegern samt Besatzungen vom angeschlagenen Konkurrenten Air Berlin.

Mit der Modernisierung der Flotte insgesamt versucht Lufthansa, Schritt zu halten mit den Golf-Airlines wie Emirates oder Etihad. Die können deshalb so auftrumpfen, weil sie staatliche Unterstützung genießen – wenn dies auch nicht immer eingestanden wird. Auf den lukrativen Strecken nach Asien jedenfalls hat Lufthansa deshalb schon kräftige Einbußen hinnehmen müssen. Umso wichtiger ist der vor zehn Tagen unterzeichnete Vertrag mit Air China: Lufthansa kann vom Sommer 2017 an deutlich mehr Langstreckenflüge mit gemeinsamen Flugnummern anbieten. Die Frankfurter wollen so mehr Geschäftskunden ansprechen. Ähnliche Kooperationen hat das Unternehmen mit der japanischen Fluggesellschaft All Nippon Airways und mit Singapore Airlines unterzeichnet.

Auf der Kurz- und Mittelstrecke setzt Lufthansa den Billigfliegern Eurowings entgegen. „Total richtig“, findet Stefan Schöppner, Analyst der Commerzbank. Denn ein solches Angebot spreche preissensitive Kunden an – die mit der eher hochpreisigen Muttergesellschaft wohl nicht fliegen würden. Von Air Berlin jetzt 40 Flugzeuge samt Besatzung zu mieten, faktisch zu übernehmen, bringt die Lufthansa da voran: Damit könnte Eurowings fast doppelt so viele Flieger auf die Reise schicken wie bisher.

„Lufthansa braucht mehr Schub, damit die ausländischen Wettbewerber nicht noch mehr Raum greifen“, erklärt Luftfahrtexperte Cord Schellenberg. Kritisch dabei: die Kosten. Die seien bei Eurowings immer noch deutlich ungünstiger als bei den Konkurrenten Ryanair und Easyjet, sagt Analyst Schöppner. Lufthansa-Chef Spohr hatte als Ziel ausgegeben, dass Eurowings um bis zu 40 Prozent billiger fliegen solle als die Konzernmutter, um mithalten zu können. Davon aber ist man noch weit entfernt.

Die Billigflieger-Konkurrenz will ihre Präsenz auf dem deutschen Markt verstärken, Ryanair etwa drängt in die großen Flughäfen und verabschiedet sich von den Regionalstandorten. Da wären zum Beispiel die Start- und Landerechte Air Berlins interessant, die im Fall eines Zusammenbruchs der hochdefizitären Fluggesellschaft frei würden. Lufthansa will verhindern, dass Ryanair oder Easyjet die entstehenden Lücken füllen würden – für Lufthansa-Chef Spohr der schlimmste Fall. Dann hätte er wenig Chancen, Eurowings nachhaltig zum Erfolg zu führen. Also muss Air Berlin überleben, zumindest bis Eurowings groß und günstig genug ist. Und deshalb hat Lufthansa Interesse an Flugzeugen von Air Berlin.

Der Lufthansa-Aufsichtsrat hat auch noch die vollständige Übernahme von Brussels Airlines gebilligt. 45 Prozent gehörten der Lufthansa schon, die restlichen Anteile kosten bis zu 140 Millionen Euro. Die belgische Fluggesellschaft soll zum weiteren Aufbau von Eurowings beitragen. Sie sei interessant, weil sie Europapolitiker, -beamte und Lobbyisten von und nach Brüssel fliege, hieß es.

Allerdings muss Lufthansa auch noch die Konflikte mit seiner Belegschaft lösen. Zwar dürfen die Piloten nicht aus strategischen Gründen streiken – das hatte ihnen das Arbeitsgericht 2015 untersagt. Aber der Konflikt um die Ausrichtung dürfte unterschwellig weiter eine große Rolle spielen. Vor allem die Piloten sind gegen die neue Ausrichtung, der Tarifkonflikt ist immer noch nicht beigelegt.