Berlin

Air Berlin schrumpft drastisch

Die Fluggesellschaft will bis zu 1200 Mitarbeiter entlassen und einen Teil ihrer Flotte an die Lufthansa abgeben

Berlin. Der rote Vogel wird gerupft. Er muss mehr Federn lassen, als in Branchenkreisen vermutet worden war. Die Fluggesellschaft Air Berlin gab am Mittwochabend gegen 20 Uhr massive Umstrukturierungen bekannt. Die Flotte wird auf 75 Maschinen halbiert, die touristischen Mittelstreckenflüge in eine Tochter ausgelagert und 40 Maschinen werden von der Lufthansa geleast. Auch die Ankündigung, dass wohl 1200 Beschäftigte ihre Arbeitsplätze verlieren sollen, übertrifft die Befürchtungen vom Vortag, als noch die Zahl von 1000 Entlassungen im Raum stand.

Firmenchef Stefan Pichler steht vor einem Scherbenhaufen. Er war angetreten, ein Unternehmen zu sanieren, das er in einem desolaten Zustand von seinen Vorgängern Hartmut Mehdorn und Wolfgang Prock-Schauer übernommen hatte. Pichler war mit der Ankündigung angetreten, im Jahr 2016 schwarze Zahlen zu schreiben. Doch von Jahr zu Jahr vergrößerte sich der Schuldenberg. Die Gesellschaft hatte zuletzt 2012 ein winziges Plus von weniger als zehn Millionen Euro erwirtschaftet. Von dort an ging es bergab: 315 Millionen, 376 Millionen und zuletzt 446 Millionen Euro betrugen die jährlichen Defizite. Gleichzeitig sank die Zahl der Fluggäste von 35 auf 30 Millionen, während die Zahl der Flugzeuge stieg und damit die Auslastung sank.

Kündigungen werden bis Februar 2017 ausgesprochen

Air Berlin häufte Schulden an, auf denen das Unternehmen nun sitzt – und anscheinend sitzen bleibt. Ohne die Finanzspritzen des Großaktionärs Etihad vom Persischen Golf gäbe es das Unternehmen längst nicht mehr. Doch die Finanzspritzen aus Abu Dhabi waren keine karitativen Gesten. Im Gegenteil: Durch das dichte Streckennetz der Berliner und die umstrittenen Codeshareflüge beider Gesellschaften schaffte Air Berlin viele Millionen Fluggäste zum Etihad-Drehkreuz Abu Dhabi.

Der gesamte operative Bereich soll nun auf den Prüfstand. Man will nun nicht in der Panik das Kind mit dem Bade ausschütten. Wohl auch deshalb ist nun von den Plänen nicht mehr die Rede, Teile des Unternehmens mit der TUI-Charterflugtochter TUIfly zusammenzulegen. Stattdessen soll das Touristikgeschäft in einem eigenständig agierenden, auf Touristik fokussierten Geschäftsbereich zusammengefasst werden. Es hat fast den Anschein, als wolle Air Berlin die alte LTU auferstehen lassen, die das Unternehmen einst gekauft hatte – ein Deal, der als Wurzel des heutigen finanziellen Desasters gilt. Vielleicht steht aber auch hinter diesem Plan, später einen Käufer für diese Sparte zu finden, der einen guten Preis zahlt. Erst im März waren Spekulationen über Gespräche zwischen Air Berlin und dem Billigflieger Easyjet laut geworden – natürlich wurden sie nicht bestätigt.

Air Berlin leidet unter einem Kapazitäts- und Personalüberhang: Die Verkleinerung des operativen Geschäfts bedingt nach Darstellung des Unternehmens einen Personalabbau von bis zu 1200 Stellen. „Das Unternehmen nimmt unverzüglich Gespräche mit Vertretern der Betriebsräte auf“, heißt es in einer Mitteilung. Sowohl freiwillige als auch betriebsbedingte Kündigungen sollen zum Februar 2017 ausgesprochen werden, wie es heißt. Den Mitarbeitern sollen Möglichkeiten zur Weiterbeschäftigung innerhalb der Etihad Airways Partners Group angeboten werden. Die Flotte, sowie das Cockpit- und Kabinenpersonal sind nicht ausgelastet. Deshalb beabsichtigt Air Berlin, bis zu 40 Airbus-Flugzeuge inklusive Personal der A320-Familie an die Lufthansa Group zu vermieten. Bis zu 38 Flugzeuge sollen im Rahmen eines sechsjährigen so genannten Wet-Lease-Abkommens ab Sommer 2017 übernommen werden. Die neue Air Berlin wird ab Sommer 2017 mit 40 Flugzeugen der A320-Familie und 18 Flugzeugen des Typs Q400 für die Kurz- und Mittelstrecke Verbindungen zu den wichtigsten europäischen Wirtschaftsstandorten anbieten. Darüber hinaus umfasst die Gesamtflotte mit 75 Flugzeugen 17 Maschinen des Typs A330-200, die Langstreckenziele weltweit anfliegen.

Die Lufthansa nutzt unterdessen die Schwäche von Air Berlin, um sich gegen die erstarkende Billigflieger-Konkurrenz vor allem durch Easyjet zu behaupten: Die Kranich-Airline baut ihre Billigtochter Eurowings kräftig aus. Die Flotte der Tochter von 90 Jets soll durch den Air-Berlin-Deal um 40 wachsen. Zuvor hatte der Lufthansa-Aufsichtsrat der Komplettübernahme der belgischen Fluglinie Brussels Airlines zugestimmt. Was bleibt von Air Berlin? Der Drehkreuz-Verkehr von Berlin und Düsseldorf, die Langstrecke und der Shuttle-Service zum Standort des Hauptaktionärs Etihad.