Mittelstand

Wie sich Deutschland fast unbeobachtet zum Erfolg forscht

Der Erfolg des deutschen Mittelstand liegt auch an vielen Erfindungen. Kaum bekannt ist das weltweit einmalige Forschungsnetz dahinter.

Als Werft und Reederei bei Offshore-Windparks mitverdienen? Ein in Hamburg und Berlin angesiedeltes Projekt firmenübergreifender Forschung hat einen Leitfaden und Software erstellt, um das zu ermöglichen. In der Öffentlichkeit ist kaum etwas bekannt über gemeinsame Forschung im Mittelstand.

Als Werft und Reederei bei Offshore-Windparks mitverdienen? Ein in Hamburg und Berlin angesiedeltes Projekt firmenübergreifender Forschung hat einen Leitfaden und Software erstellt, um das zu ermöglichen. In der Öffentlichkeit ist kaum etwas bekannt über gemeinsame Forschung im Mittelstand.

Foto: AiF

Berlin.  Textilindustrie? Das klingt nach Oberhemd und Halbleinenstoff mit Sternmotiv. Doch in Deutschland sind Textilarbeiter in der Regel mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Mit dem Bau von Windrädern, zum Beispiel: Grundlage für die Rotorblätter ist fast immer ein Verbundstoff, der aus Glas oder Carbon gewebt und dann mit Kunststoff getränkt wird. Nun könnte ein neues Verfahren einen Durchbruch bringen: Textilforscher der TU Dresden haben sensorische Fäden entwickelt, die in die Windmühlenflügel eingearbeitet und dann elektronisch zusammengeschaltet werden. Belastung, Abnutzung und Brüche können so schnell und ohne aufwändige Untersuchung von außen registriert werden. Unterstützt wird die Erfindung von einem kaum bekannten Netzwerk mittelständischer Forscher.

100 Forschungsgemeinschaften vernetzt

Der deutsche Mittelstand – eine fast schon mystische Aura umgibt die kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland. Mitentscheidend für den ständigen Strom an Innovationen ist, dass sich fast alle Industriebranchen in Deutschland zu Forschungsgemeinschaften zusammengeschlossen haben. Das Ziel: Trotz der Konkurrenz gemeinsam die Ressourcen und das Wissen bündeln, um neue Produkte zu entwickeln. Genau 100 dieser Netzwerke wiederum bilden zusammen die AiF, die Arbeitsgemeinschaft der industriellen Forschungsvereinigungen.

Vergleichbares gibt es nirgendwo. „Die Welt beneidet uns darum. In Italien soll nun ein ähnliches Netzwerk entstehen. Aber wir haben 60 Jahre Vorsprung“, sagt Klaus Jansen, Geschäftsführer des Forschungskuratoriums Textil aus Berlin, einem Mitglied der AiF. Die Textilindustrie ist wohl das herausragendste Beispiel für den Erfolg des Ansatzes. „Ohne die gemeinsame Forschung gäbe es die Textilindustrie in Deutschland quasi nicht mehr, die wäre ohne Innovation komplett abgewandert“, sagt er.

Textilbeton soll Stahlbeton ersetzen

Die Sensorfäden für Windräder könnten zum Beispiel zum Verkaufsschlager werden. Denn die so gesammelten Informationen sparen Geld bei der Wartung - und die Flügel können kleiner und billiger gebaut werden, erwartet der für das Projekt zuständige Professor Chokri Cherif von der TU Dresden. Der kommerzielle Einsatz wird nun vorbereitet. Klappt alles, könnte der Windradbau revolutioniert werden. Vergangenes Jahr gab es immerhin schon einen gewichtigen Mittelstands-Forschungspreis für das Projekt.

Ein Blick zurück: In den 60er- und 70er-Jahren bricht das klassische Geschäft der Textiler durch Billiglohnkonkurrenz aus dem Ausland weg. Reihenweise machen Unternehmen dicht. Doch einige können sich durch Innovationen halten und mit Spezial- und Industrietextilien der Branche neues Leben einhauchen.

In anderen Industrieländern verschwindet die Textilindustrie fast vollständig. Auch in Deutschland gibt es statt früher einmal einer Million Jobs inzwischen nur noch 120 000. „Aber die haben wir uns mit ständigen Neuerungen aber hart erkämpft“, sagt Klaus Jansen. Über die Hälfte des Umsatzes macht die Branche inzwischen mit technischen Textilien. Sogar den Bewehrungsstahl im Beton will die Branche in den kommenden Jahren mit Textilien ersetzen können.

Zwölf Euro Umsatz pro Euro Forschungsförderung

Die AiF, als Verein organisiert, koordiniert die Förderung solcher Projekte. Ihr Schwerpunkt: Die „Industrielle Gemeinschaftsforschung“ (IGF), bei der sich Unternehmen und häufig auch Firmen mit der Wissenschaft, also Universitäten, Hochschulen und vor allem auch externe Forschungseinrichtungen, zusammentun und das Personal stellen.

Die Ergebnisse werden veröffentlicht – jeder Konkurrent kann sich also theoretisch bedienen. „Für die Unternehmen ist das IGF-Programm dennoch lohnend: Erstens weil es die ganze Branche nach vorne bringt, und weil sie dann die Ergebnisse aus erster Hand haben und die Mitarbeiter im Stoff sind“, sagt Jansen. Tatsächlich: Öffentlich geäußerte Kritik an der AiF gibt es so gut wie keine bis auf kleinere Streitereien um die staatliche Förderhöhe. Untersuchungen bescheinigen dem System hohe Wirksamkeit.

Rund 140 Millionen Euro flossen 2015 aus dem Bundeswirtschaftsministerium in die IGF. Auf den Cent genau lässt sich der Nutzen nicht beziffern. Aber nach Schätzungen wird aus jedem Euro, der in die Projekte fließt, später einmal ein Umsatz von zwölf Euro. Laut Yvonne Karmann-Proppert, Präsidentin der AiF, sei 2015 sei mit über 1000 Anträgen eine Höchstmarke aufgestellt worden.

Netzwerk kämpft um mehr Förderung

Doch der Boom hat auch Schattenseiten, „da die stagnierenden Fördermittel in der IGF dazu führen, dass inzwischen viele, auch sehr gut bewertete Forschungsvorhaben nicht mehr bewilligt werden können.“ Antragssteller würden demotiviert – und die Innovationskraft leide, sagt Karmann-Proppert, die bei der Bundesregierung Druck macht und um mehr Geld wirbt. Die SPD unterstützt die AiF, aber Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat nur eine minimale Steigerung des Budgets für 2017 vorgesehen. Ab 2018 könnte der Fördertopf sogar schrumpfen.

AiF-Projekte gibt es in fast allen Branchen – und regional breit verteilt. Das Hamburger Center of Maritime Technologies hat zum Beispiel mit einem IGF-Projekt unter Beteiligung der TU Berlin genau untersuchen können, wo Werften und Reedereien ins Spiel kommen und Geld verdienen können beim Betrieb der neu entstehenden Windparks auf dem Meer. Pannen stören auch auf hoher See. Offshore-Windfarmen liegen häufig still und müssen aufwändig gewartet werden. Bis das Projekt ins Leben gerufen wurde, wussten jedoch viele Reeder und Werften gar nicht, welche Angebote sie der schnell wachsenden Branche machen können. Nun gibt es einen Leitfaden und Software, die bereits mit Erfolg eingesetzt werden.

In Braunschweig wurde im Rahmen der IGF am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung ein neues Verfahren für Medikamententests entwickelt. Der Trick: Medikamente können bereits in der Petrischale unter Bedingungen untersucht werden, die menschlichem Gewebe ähneln. Damit spart man sich in vielen Fällen weitere teure Tests, die in den meisten Fällen ohnehin negativ ausgehen. Denn nur einer von zehn Wirkstoffkandidaten schafft es auf den Markt.

In Krefeld und Duisburg am Deutschen Textilforschungszentrum Nord-West und dem Institut für Energie und Umwelttechnik haben Forscher fast buchstäblich einen Weg gefunden, aus Wasser Gold zu machen. Ihr Verdienst: Sie haben ein Textil so mit Polyester beschichtet, dass aus Industrieabwässern wertvolle Rohstoffe zurückgewonnen werden können. Die erste Ausbeute: Aus Abwässern der Leiterplattenindustrie konnten pro Kilogramm eingesetztem Textil 20 Gramm Palladium gewonnen werden, die mehrere Hundert Euro wert sind. Im rohstoffarmen Deutschland sind solche Techniken besonders wertvoll für die Industrie – und brachten den Rohstoffeffizienzpreis 2014 ein.

Das Netzwerk der AiF ist riesig: 50.000 Unternehmen sind über die jeweiligen Branchenorganisationen beteiligt und arbeiten mit mehreren Hundert Forschungsstellen zusammen. Am Vorurteil, dass Unis und Unternehmen hierzulande nicht so gut zusammenarbeiteten wie zum Beispiel in den USA, sei nicht viel dran, findet Klaus Jansen vom Forschungskuratorium Textil. „Wir haben das Glück gehabt, dass in den Fünfziger-Jahren zu Ludwig Erhards Zeiten einige Visionäre erkannt haben, wie stark wir gemeinsam sein können.“