Gewerbehof

Neue Arbeit in der Industriebrache ExRotaprint

Wie Künstler zu Unternehmern wurden, einem Weddinger Gewerbehof neues Leben einhauchten und dafür einen Preis erhielten.

Les Schliesser und Daniela Brahm haben in Gesundbrunnen den Gewerbestandort der Ex-Rotaprint-Fabrik gerettet. Neben Gewerbe gibt es dort Soziales und Kunst.

Les Schliesser und Daniela Brahm haben in Gesundbrunnen den Gewerbestandort der Ex-Rotaprint-Fabrik gerettet. Neben Gewerbe gibt es dort Soziales und Kunst.

Foto: Ricarda Spiegel

Berlin.  Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, wie die Ingenieure des Druckmaschinenherstellers Rotaprint in dem lichtdurchfluteten Raum an ihren Reißbrettern standen und mit Tuschestiften ihre Konstruktionen auf Transparentpapier zeichneten. Schauten sie zur einen Seite durch die bodentiefen Scheiben, sahen sie die Produktionshallen. Auf der gegenüberliegenden Seite fiel der Blick auf den Betriebshof, den Werkstattgebäude aus der Gründerzeit säumen, die Kantine und das breite Werkstor zur Gottschedstraße.

Das ist Weddinger Industriegeschichte. Heute ist dieser helle Raum leer. Er ist Treffpunkt der neuen Nutzer dieser alten Fabrik. Die Hallen zur einen Seite wurden zwar 1992 abgerissen. In den Gebäuden rund um den Betriebshof gegenüber ist dagegen neues Leben eingekehrt – ein Musterbeispiel für eine gemeinschaftliche unternehmerische Initiative und für das verträgliche Nebeneinander von Wirtschaft, Kunst und Sozialem.

Julius-Berger-Preis für Stadtentwicklung

Diesen Sommer wurde das Projekt mit dem Julius-Berger-Preis des Industriedienstleisters Bilfinger SE ausgezeichnet. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis erinnert an den jüdischen Berliner Unternehmer, der zahlreiche Eisenbahntrassen baute und mehrere U-Bahnlinien und Bahnhöfe in Berlin, den die Nationalsozialisten enteigneten und der 1943 ausgehungert im KZ Theresienstadt starb. Bergers Tiefbaufirma fusionierte 1969 mit einem Vorläufer des späteren Konzerns Bilfinger Berger. Eine Jury unter Vorsitz von Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter zeichnet mit dem alle drei Jahre vergebenen Preis herausragende Initiativen in der Berliner Stadtentwicklung aus.

Ende der 1980er-Jahre lief das Geschäft mit Offset-Druckmaschinen schlecht. Sie wurden nach und nach durch Fotokopierer ersetzt. Als Rotaprint, mit bis zu 1000 Beschäftigten zeitweise einer der wichtigsten Arbeitgeber in Gesundbrunnen, 1989 Konkurs anmeldete, hatte der Bezirk ein Problem. Ihm gehörte eine 36.000 Quadratmeter große Industriebrache, die das Land Berlin in einem zuvor gescheiterten Versuch, das Unternehmen zu retten, erworben hatte. Keiner brauchte in den wirtschaftlich desolaten Nachwendejahren eine Immobilie dieses Ausmaßes an diesem Standort.

Produktionshallen mussten Discounter weichen

Dass der damalige Landeskonservator Helmut Engel die Fabrik zwei Jahre nach der Pleite unter Denkmalschutz stellte, machte die Vermarktung der Immobilie nicht einfacher. Engel schwärmte damals: „Die gelungene architektonische Überformung einer aus der Gründerzeit stammenden Quartiersbebauung mit der Formensprache der Moderne ist eines der besten Architekturbeispiele der 50er-Jahre in Berlin.“ Er konnte zwar nicht den Abriss der Hallen zugunsten einer Discounter-Filiale verhindern, schützte aber das übrige Areal mit einer Nutzfläche von 10.000 Quadratmetern.

Zwischenzeitlich hatten sich hier Künstler eingemietet, und diese hauchten dem alten Industriestandort neues Leben ein – darunter Daniela Brahm und Les Schliesser. Sie schlossen sich mit anderen Nutzern zusammen, um gemeinsam das Grundstück vom Liegenschaftsfonds des Landes zu kaufen. Letztlich wählte man dann aber doch ein anderes Konstrukt: Zwei Stiftungen erwarben die Immobilie und schlossen mit dem zur gemeinnützigen ExRota­print GmbH mutierten Nutzerverein einen 99 Jahre währenden Erbbaurechtsvertrag.

250 Beschäftigte bei ExRotaprint

„Es war uns wichtig, eine langfristige Perspektive zu erhalten“, erinnert sich Daniela Brahm. Lokales Gewerbe, Kunst und Soziales sollten gleichberechtigt nebeneinander in dem Gebäude möglich sein. Inzwischen sind 96 Mietparteien mit über 250 Beschäftigten in die ExRotaprint-Gebäude eingezogen: darunter eine Bautischlerei, ein Bilderrahmenbauer, ein Maßschneider für Taucheranzüge, ein Start-up, das ein modulares Regalsystem im Internet verkauft, Siebdruckwerkstätten, ein Elektriker und ein Biotech-Unternehmen. Des weiteren finden sich in dem Komplex Sozialprojekte, die Menschen in dem prekären Kiez unterstützen, Ateliers für circa 20 Bildende Künstler, Studios für Architekten, Grafiker und Proberäume für zehn Bands.

Für die Sanierung des Gebäudes hat sich das Projekt 2,3 Millionen Euro bei einer Bank geliehen. „In der Summe wollen wir vier Millionen Euro in die Sanierung der Gebäude investieren“, sagt Daniela Brahm. Hinzu kommen Lottomittel in Höhe von 680.000 Euro.

Gewerbeflächen unter fünf Euro Kaltmiete

Die Betreiber des Gewerbehofs nehmen jährlich 400.000 Euro Mieten ein. Das reicht, um den Betrieb und die Sanierung zu finanzieren. Die Mieter zahlen Nettokaltmieten zwischen nur drei und 4,80 Euro, wie Brahm und Schliesser auf mehrmalige Nachfrage bestätigen. „Das klappt, weil kein Profit abfließt“, sagt Schliesser. „ExRotaprint erhält auch keine staatliche Förderung.“ So wollen die Gesellschafter neben ihren künstlerischen und sozialen Ambitionen lokales Handwerk und Gewerbe stärken, das traditionelle Berliner Kiezleben wiederbeleben, das durch ein Nebeneinander von Leben und Arbeiten geprägt war.

Gewerbehöfe haben einen festen Platz in der Berliner Stadtgeschichte. Sie wurden entweder als solche geplant – das wohl bekannteste Beispiel sind die Hackeschen Höfe in Mitte. Oder sie entstanden durch die Schließung von Industriebetrieben oder ihre Verlagerung an den Stadtrand – wie im Fall von Rotaprint. Größter Betreiber von Gewerbehöfen in Berlin ist die Gewerbesiedlungs-Gesellschaft. Diese GSG Berlin verfügt heute über 40 Standorte in der Hauptstadt mit zusammengenommen 900.000 Quadratmetern Fläche und vermietet Büro- und Gewerberaum an rund 1800 Unternehmen aus den Bereichen Dienstleistung, Informations- und Kommunikationstechnologien, Kreativwirtschaft, Handwerk, Produktions- und Kleinindustrie. Diese Unternehmen beschäftigen insgesamt circa 15.000 Mitarbeiter.

Die Gewerbesiedlungs-Gesellschaft geht auf eine Gründung von Senat, der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer in den 1960er-Jahren zurück. Die aus der Landesbank hervorgegangene Investitionsbank Berlin (IBB) verkaufte 2007 ihre Anteile an der GSG an die CPI Property Group. Heute ist die GSG ist eine hundertprozentige Tochter der CPI.