Digitalisierung

Deutsche Konzerne gehen auf Einkaufstour im Silicon Valley

Bloß nicht bei der Digitalisierung noch weiter abgehängt werden: Deutsche Konzerne investieren in viele Start-ups im Silicon Valley.

Daimler-Chef Dieter Zetsche im lockeren Outfit bei der Präsentation des Projekts „Startup Autobahn“.

Daimler-Chef Dieter Zetsche im lockeren Outfit bei der Präsentation des Projekts „Startup Autobahn“.

Foto: DaimlerAG; Global Communications Global Communications Mercedes-B

Sunnyvale.  15 Minuten hat er Zeit. Naveen Gupta, CEO des Start-ups „Bird­Eye“ stellt Lufthansa-Managern seine Geschäftsidee vor. Er steht im Konferenzraum des Plug & Play Tech Center in Sunnyvale, einer Art Aufzuchtbecken der Digitalwirtschaft, im Herzen des Silicon Valley. „Wenn Passagiere mit einer Airline gute Erfahrungen machen, teilen sie das in der Regel im Netz nicht mit“, sagt Gupta. „Schlechte Erfahrungen dagegen schon.“ Gupta will mit seiner Software alle Kundenbeschwerden sammeln und für die Airline transparent machen. Als nächstes sind „Bidflyer“ und „Flyr“ dran. Die haben Echtzeitversteigerungen von unverkauften Flugzeugsitzen und ein Prognosetool für Ticketpreise im Angebot. Amir Amidi vom Plug & Play Tech Center drückt aufs Tempo. Die nächsten Kunden warten schon.

Sebastian Herzog, Chefstratege des Lufthansa Innovation Hub in Berlin, wundert sich hier nicht zum ersten Mal über das Tempo. Sein Unternehmen ist im Silicon Valley ständig auf der Suche nach Ideen. „Die Start-ups aus dem Plug & Play Tech Center befassen sich intensiv mit verschiedenen Industrien und versuchen, jeweils spezifische Lösungen für deren Probleme zu entwickeln,“ sagt Herzog. „Plug & Play“ verdient dabei ordentlich mit, indem es Start-ups herausfiltert, die für die Dax-Unternehmen interessant sein könnten. Für Kooperationen oder als Investment. „Wir haben drei Unternehmen mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar groß gemacht“, sagt Amidi und zeigt auf die Logos von Dropbox, Lending Club und Paypal. Die Quote der Start-ups, die Plug & Play an die Börse bringt, liege „unter einem Prozent“. Dennoch sind es Hunderte Start-ups mit einer Bewertung von 25 Millionen US-Dollar und mehr.

#lufthansafail muss genau beobachtet werden

Herzog findet einstweilen „Bird­Eye“ interessanter. „Kunden, die sich über Lufthansa beschweren, füllen Formulare aus, posten auf Facebook oder twittern bei Problemen unter #lufthansafail. Eine Plattform wie ‚BirdEye‘, die Kundenfeedback aus unterschiedlichsten Quellen zusammenführt, ist für uns interessant, weil sie uns die Gelegenheit bietet, schneller und besser auf Feedback von Reisenden zu reagieren.“ Als Airline wäre Lufthansa nicht in der Lage, eine solche übergreifende Lösung selber zu bauen. Deshalb sei „BirdEye“ als Kooperationspartner interessant.

Es muss passen und helfen, ein Problem zu lösen. So sieht das auch der Düsseldorfer Konsumgüterriese Henkel. „Um aus der Vielzahl an Start-ups die Firmen zu identifizieren, die für uns am vielversprechendsten sind, arbeiten wir auch mit Acceleratoren wie Plug & Play zusammen“, sagt Paolo Bavaj, Global Head of Venturing bei Henkel Adhesive Technologies. Im Unternehmensbereich Klebstoff sei man besonders an materialwissenschaftlichen Start-ups interessiert. Seit 2014 kooperiert Henkel mit dem US-Start-up Vitriflex in San José. Gemeinsam tüftelt man an Elektronik für Displays und hochauslösenden OLED-Fernsehbildschirmen.

Der Tüftelzwang ist aus der Not geboren

Einen Innovationsschub und neue Ansätze für den Mobilitätsmarkt verspricht sich auch Daimler vom Projekt „Startup Autobahn“. Darin will der Autokonzern gemeinsam mit der Universität Stuttgart und dem Plug & Play Tech Center vor allem auch hardwareorientierte Projekte voranbringen. „Software allein wird einen nicht von A nach B bringen“, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche dazu. BMW hatte bereits 2015 die „Startup Garage“ gegründet, bei der junge Gründer mit BMW-Technikern Prototypen entwickeln.

Der Tüftelzwang ist häufig aus der Not geboren. In Zeiten der digitalen Transformation mussten deutsche Marktführer mit ansehen, wie sich jahrelang erfolgreiche Geschäftsmodelle auflösen. Die Rezepte der Gegenwart wappneten einen nicht unbedingt für die Zukunft, sagt Lufthansa-Manager Herzog. „Wir beobachten zum Beispiel, dass sich der Kontakt zum Kunden auf eine Meta-Ebene verschiebt.“ Kunden kaufen Tickets zunehmend online auf Reiseplattformen im Netz. „Zum einen sind das etablierte Plattformen wie Expedia, Skyscanner und Co, zum anderen gibt es viele kleine Start-ups, die versuchen, sich mit innovativen Lösungen zwischen die Airline und den Kunden zu schieben.“ Das sei ein Trend, der genau beobachtet werde, denn die Lufthansa sei darauf angewiesen, engen Kundenkontakt zu pflegen.

Der Tagesausflug zu Facebook und Apple kostet 700 Dollar

Die Investitionsbereitschaft deutscher Firmen kommt zur rechten Zeit, dem Boom im Valley geht etwas die Puste aus. Das Investmentunternehmen Fidelity nahm jüngst Wertberichtigung seiner Beteiligungen bei hochbewerteten Start-ups vor. Einem Report zufolge flossen im ersten Quartal 2016 nur Investments von 4,91 Milliarden US-Dollar ins Silicon Valley. Im dritten Quartal 2015 waren es noch 6,11 Milliarden US-Dollar – ausländische Investoren sollen die Lücke füllen.

Die Pilgerfahrten deutscher Unternehmer ins digitale Weltzentrum werden daher wohl nicht abebben. Nur rund ein Prozent der kleineren und mittleren deutschen Unternehmen hätten Herzog zufolge Innovationsabteilungen gegründet. „Die Manager dort sind dennoch fast alle von der digitalen Transformation betroffen. Die Inspirationsreisen ins Valley werden daher eher noch zunehmen.“ Auch darauf ist man im Tal bestens vorbereitet. Ein Veranstalter bietet geführte Tagestouren für 700 US-Dollar an. Auf dem Programm stehen die Firmenzentralen von Apple, Google und Facebook.