Berlin

Hauptstädte treiben Europas Wirtschaft voran

Länder wie Frankreich wären ohne Kapitale deutlich ärmer. Nur Berlin ist eine Ausnahme

Berlin. Eine große Wohlstandskluft herrscht in vielen Ländern Europas zwischen Zentrum und Randgebieten. Vor allem die Hauptstädte sind treibende Wirtschaftsmotoren. Paris, London, Athen – sie lassen den Rest des Landes bei der Wirtschaftsleistung pro Kopf weit hinter sich. Eine Ausnahme gibt es allerdings: Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner würde um 0,2 Prozent steigen, wenn man Berlin und seine Einwohner ausklammere, rechnete das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) aus.

Als Folge der Teilung hat Berlin einen Strukturwandel vollzogen. Berlin war vor dem Mauerfall eine Industriestadt und wandelte sich danach zur Dienstleistungsstadt. Allerdings entstanden in diesem Bereich nicht genug Arbeitsplätze. Die Arbeitslosenquote liegt über dem bundesweiten Durchschnitt.

Berlin setzt heute auf Start-ups und den wachsenden Stellenwert als Tourismusziel. In den vergangenen Jahren hat es deutlich aufgeholt und zählt inzwischen zu den wachstumsstärksten Städten Deutschlands, auch, weil die Bevölkerung wächst. Selbst den meisten Berlinern dürfte klar sein, dass ihre Stadt beim Pro-Kopf-Einkommen nicht mit Metropolen wie München oder Hamburg mithalten kann.

Der Kontrast zu anderen Hauptstädten ist jedoch scharf. Beispiel Paris: Im zentralistisch geprägten Frankreich haben die wichtigsten Konzerne ihren Sitz in Paris oder im direkten Umland, etwa dem Büroviertel La Défense. Die gesamte Region Île-de-France ist auch die stärkste Industrieregion des Landes. Würde Paris ausgeklammert, wäre Frankreichs Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um 15 Prozent geringer. Total, Renault, PSA, Axa – so ziemlich alle wichtigen Konzerne haben ihren Verwaltungssitz in Paris oder Umland. Paris ist zudem ein Touristenmagnet mit 22,2 Millionen Besuchern im Jahr 2015.

Während nicht einmal jeder zwanzigste Deutsche in Berlin lebt, wohnt mehr als ein Drittel der griechischen Bevölkerung in Athen. In der Region Attika rund um die Hauptstadt finden sich die meisten Unternehmen des Landes – von der Manufaktur über die Werft bis hin zum Hightech-Start-up. Ohne die Hauptstadt würde der durchschnittliche Wohlstand Griechenlands um ein Fünftel zurückgehen.

London gilt neben New York als weltweit wichtigste Finanzmetropole. Banken, Börse, Versicherungen – ohne London wäre Großbritannien ein deutlich ärmeres Land. Laut Eigenschätzung der City arbeiten etwa 358.000 Menschen im Finanzsektor in Greater London. Von Bedeutung sind zudem das Immobilienwesen und der IT-Sektor. Großbritannien ohne London käme auf ein Wohlstandsminus von immerhin elf Prozent.

Auch Tschechien ist eher zentralistisch organisiert. Viele heimische und internationale Firmen haben ihren Sitz in der Hauptstadt. Hinzu kommt, dass viele Pendler aus dem Umland in der Stadt arbeiten. Ein weiterer Faktor ist der boomende Prag-Tourismus. Ohne die goldene Stadt wäre die Wirtschaftsleistung pro Kopf um 14 Prozent kleiner.

In Dänemark sind zwar Industriezweige im ganzen Land angesiedelt, in Kopenhagen ist die Dichte aber mit Abstand am größten. Hier ist der größte dänische Konzern, das Reedereiunternehmen A. P. Møller-Mærsk zu Hause. Auch der Brauereiriese Carlsberg hat hier seinen Standort. Der Wohlstand Dänemark ohne Kopenhagen läge im Schnitt um 13 Prozent niedriger.

In vielen europäischen Ländern fällt der Unterschied indes etwas moderater aus. Ohne Warschau würde Polen zehn Prozent Wirtschaftsleistung pro Kopf einbüßen, und Belgien ohne Brüssel neun Prozent. Wien und Madrid machen nur noch ein Minus von sechs Prozent in Österreich und Spanien aus, und Amsterdam in den Niederlanden fünf Prozent. Auch dort gilt jedoch: Die Hauptstadt ist immer noch spürbar reicher als der Rest des Landes.

Nur in Italien sieht es ähnlich aus wie in Deutschland. Als Regierungssitz ist Rom das Verwaltungszentrum und wird gern als Stadt beschuldigt, die das in Norditalien verdiente Geld verschlingt. Im Gegensatz zu anderen europäischen Hauptstädten würde der Wohlstand in Italien ohne Rom lediglich um zwei Prozent sinken.