Berlin

Gesundheitsrisiko Bürojob

Studie zeigt: Die Deutschen sitzen zu viel, vor allem am Arbeitsplatz. Lebensstil der Berliner landet im Mittelfeld

Berlin. Am Schreibtisch, bei Besprechungen, im Café und schließlich am Abend vor dem Fernseher – überall wird gesessen. Bis zu elf Stunden am Tag verbringen Arbeitnehmer im Sitzen, vor allem jene mit höheren Bildungsabschlüssen sind betroffen. Das ist ein Ergebnis des Gesundheitsreports der Deutschen Krankenversicherung (DKV), der am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Die vermehrte Arbeit am Computer, aber auch höhere Anforderungen an die Beschäftigten lassen ihnen weniger Zeit, zwischendurch mal aufzustehen.

Gesundheitlich ist dies bedenklich. „Wer länger sitzt, hat ein höheres Risiko, früher zu sterben“, warnt Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln, der die Studie erstellt hat. Nicht das Sitzen selbst ist das Risiko, sondern der Mangel an Bewegung. Das begünstigt zum Beispiel Herz-Kreislauf-Krankheiten. Froböse zufolge sterben in Europa jährlich 1,6 Millionen Menschen an diesem ungesunden Lebensstil.

Das Problem haben nicht nur Schreibtischarbeiter. Auch formell weniger qualifizierte Menschen, die oft während der Arbeit eher stehen oder Hand anlegen, verbringen ihre Freizeit verstärkt sitzend. Jeder vierte der 2800 Befragten schaut mehr als drei Stunden täglich fern. So kommen die Bundesbürger insgesamt auf eine durchschnittliche Sitzzeit von sieben Stunden. Ein Vergleich zeigt die Wirkung minimaler Veränderungen: Sitzend verbrennt der Mensch umgerechnet ein Gramm Fett in der Stunde. Im Stehen sind es bereits drei Gramm.

Berliner rauchen viel, haben aber auch viel Bewegung

Der alle zwei Jahre erhobene Report konstatiert einen stark zunehmenden Bewegungsmangel. Nur noch 45 Prozent der Deutschen sind demnach ausreichend aktiv. 2010 waren es noch 60 Prozent. Jeder dritte betreibt überhaupt keinen Sport. Dabei gibt es keine großen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Die Weltgesundheitsorganisation rät indessen zu 150 Minuten moderaten Sports oder 75 Minuten intensiven Verausgabens pro Woche. „Es macht uns Sorge, dass die körperliche Bewegung rückläufig ist“, sagt Froböse.

Regelmäßig erfragt die Sporthochschule noch weitere Aspekte des Gesundheitsverhaltens der Bundesbürger: die Ernährung, das Rauchen, der Alkoholkonsum und der Umgang mit Stresssituationen. Als Maßstab für einen guten Lebensstil gelten die Richtwerte der Weltgesundheitsorganisation und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Rundum gesund leben nur wenige.

Gerade einmal neun Prozent der Befragten halten sich an alle Empfehlungen der Fachleute. Nur jeder zweite ernährt sich entsprechend den Richtlinien, wobei mit zunehmendem Alter bewusster gegessen und getrunken wird. Beim Rauchen gibt es im Vergleich zur letzten Studie 2012 weitere Fortschritte. Nun verzichten immerhin 78 Prozent der Befragten auf Nikotin, zuletzt waren es 75 Prozent. Einen mäßigen Umgang mit Alkohol schreiben sich 85 Prozent der Bürger zu. 58 Prozent geben an, dass sie keinen Stress empfinden oder damit gut umgehen können.

Überraschend sind die Ergebnisse im Vergleich der Bundesländer. Spitzenreiter im Gesamt-Ranking ist Mecklenburg-Vorpommern. Im Küstenland schaffen es 14 Prozent, alle Ratschläge der Experten zu befolgen. Bei den Schlusslichtern Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen trifft dies nur auf neun Prozent der Bevölkerung zu. Die Berliner landen mit elf Prozent dagegen genau im Bundesschnitt – sie bewegen sich zwar viel, in Berlin wird aber dafür im Vergleich noch besonders häufig geraucht. Auffallend ist, dass die wohlhabenden Bundesländer im Süden Deutschlands beim Ernährungsverhalten hinten liegen.

In einer zweiten Sonderauswertung befassten sich die Forscher mit Fitnessarmbändern. Sie wollten wissen, wie die sogenannten Wearables von den Konsumenten angenommen werden. Das Ergebnis ist für die Hersteller kein Kompliment. „Die Menschen sehen mehrheitlich keinen Nutzen im Gebrauch“, stellte der Vorstandschef der DKV, Clemens Muth, fest. Fast jedes zweite Armband landet schnell in einer Ablage. Dabei besitzen sechs Prozent der Bevölkerung ein Gerät, mit dem etwa der Kalorienverbrauch gemessen werden kann.

Meist war es den Nutzern zu anstrengend, das Armband zu tragen oder es nervte einfach. Auch die erhoffte Motivation für Aktivitäten blieb oft aus. Daher hält Muth die Anschaffung für überflüssig, sofern nicht ein Arzt die Überwachung einzelner Körperfunktionen empfiehlt. Dazu wären aber korrekte Messungen durch die Geräte Voraussetzung. Daran hapert es nach Angaben Froböses noch. Abweichungen von 30 Prozent seien möglich.