Berlin/München

Die Hacker-Versicherung

Cyber-Policen sollen gegen digitale Attacken schützen. Für Firmen kann das interessant sein, für Privatleute eher nicht

Berlin/München. Erpressung, Betrug, Spionage, Sabotage – was Kriminelle im echten Leben tun, funktioniert auch im Internet. Diese Erfahrung macht eine wachsende Zahl deutscher Firmen und Privatleute. Nach einer Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom sind bereits mehr als zwei Drittel der deutschen Industrieunternehmen Opfer einer Hackerattacke geworden. 38 Prozent aller privaten Internetnutzer waren in den vergangenen 12 Monaten Opfer von Computer- und Internetkriminalität, zehn Prozent erlitten einen finanziellen Schaden.

Gefahr durch Internetattacken wird unterschätzt

Die Cyberversicherung gilt daher als großer Wachstumsmarkt – der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft hat die Anti-Hacker-Policen bereits zum „Brandschutz des 21. Jahrhunderts“ erklärt. Noch ist der Markt sehr klein. Der weltgrößte Rückversicherer MunichRe geht aber davon aus, dass der weltweite Markt für Cyberpolicen bereits 2020 ein Volumen von acht Milliarden Dollar erreichen könnte. „Wir sehen aktuell sehr starkes Wachstum und eine hohe Nachfrage gerade von Großunternehmen“, sagt ein Sprecher.

Der Versicherer Allianz etwa nimmt mit seinem neu eingeführten „Cyberschutz“ nun auch mittelständische Firmen in den Blick. Auf dem Geschäftsfeld tummeln sich bereits mehrere Wettbewerber. „Es gibt deutschlandweit 3,6 Millionen Unternehmen, und nach Schätzungen wurden bis jetzt 3000 bis 4000 Cyberversicherungsverträge abgeschlossen“, sagt Jens Lison, der für die Firmenkunden zuständige Vorstand bei der Allianz. „Wir sehen da großes Potenzial.“ Auch kleine Mittelständler und Selbstständige verfügten oft über sensible Daten, die Ziel einer Hackerattacke werden könnten – Notare, Anwälte, Steuerberater, Ärzte. Vor allem Mittelständler agierten bisher sorglos. Dass Privatpersonen kaum auf Cybersicherheit achten – mit Virenscanner installieren und regelmäßig Passwörter tauschen gehört man schon zu den Vorsichtigeren – ist bekannt. Viele Bürger und Firmen fühlen sich offenkundig sicher, obwohl die Gefahren zunehmen.

„Es gibt die Raubritter, die massenhaft Schadsoftware versenden und versuchen, an sensible Daten zu kommen“, sagt Stephan Gerhager, der Chef für Datensicherheit bei der Allianz Deutschland. „Und es gibt Spione, die ganz gezielt ein bestimmtes Unternehmen angreifen.“ Gegen solche gezielten Attacken aber können sich Firmen nach Gerhagers Worten eigentlich nicht schützen – weil diese sehr schwer zu erkennen sind. „Alles, was eigens für einen bestimmten Angriff programmiert wurde, erkennt Sicherheitssoftware – wie zum Beispiel der Virenscanner – in der Regel nicht“, sagt der IT-Fachmann. Die Allianz wirbt mit einem ganzen Bündel von Dienstleistungen für ihren „Cyberschutz“. Neben Haftpflichtansprüchen und Eigenschäden der angegriffenen Firmen deckt die Police auch die Kosten für Bußgeldverfahren der Behörden ab.

Eine Grundregel des Geschäftslebens gilt auch für die Versicherungsbranche: Große Kunden bringen mehr Geld als kleine. Insofern ist es ein Indiz des scharfen Wettbewerbs, dass manche Versicherer kleine Privatkunden als Zielgruppe für Cyberpolicen entdeckt haben – darunter die Axa und die Sparkassenversicherung.

Nicht nur die Angebote für Firmenkunden, auch die Cyberpolicen für Otto Normalverbraucher beinhalten neuartige Dienstleistungen – etwa eine psychologische Beratung bei Internet-Mobbing. „Mit den ersten Reaktionen auf unsere Produkteinführung sind wir sehr zufrieden“, sagt eine Sprecherin der Sparkassenversicherung in Stuttgart. Die Versicherung „SV Internet Schutz“ versichert etwa finanzielle Schäden durch Identitätsmissbrauch von Online Kundenkonten.

Bislang ist es schwer, sich einen Marktüberblick zu verschaffen. Vergleichsportale listen Cyber-Versicherungen nicht, da der Markt noch zu klein ist. Und die Schutz-Pakete haben teils extrem unterschiedliche Inhalte. Die Zeitschrift Öko-Test nahm den Markt vor einem Jahr das erste Mal systematisch unter die Lupe und konstatierte ein „kunterbuntes Durcheinander“. Die ARAG zum Beispiel bietet mit Web@ktiv im Kern eine Rechtsschutzversicherung mit zusätzlichen Serviceleistung. Dazu kommen geringe Absicherungssummen zum Beispiel für „eine anwaltliche Beratung bei Abmahnung“. Andere Angebote gleichen nach Öko-Test-Einschätzung eher einer Vermögensschadenspolice oder einer Hausratsversicherung.

Der Chefredakteur des Magazins, Jürgen Stellpflug, kommt insgesamt zu einem eindeutigen Urteil: „Derartige Internetversicherungen brauche ich als Privatmensch nicht.“ Denn die elementaren Risiken mit hohen Schadenssummen seien über Hausrat- und Haftpflichtversicherung, die jeder haben sollte, abgedeckt. Eine allgemeine Rechtsschutzversicherung umfasse weitere Risiken. Zudem würden zum Beispiel Banken bei Attacken aufs Online-Konto in der Regel den Großteil des Schadens übernehmen. Und oft greift die Police im Schadensfall gar nicht: Etwa dann wenn nach einem Hacker-Angriff auf einen Internet-Router der Kunde nicht beweisen kann, dass er das neueste Softwareupdate geladen hat.

Fazit: Cyberkriminalität ist für Firmen ein Risiko, das eine zusätzliche Versicherung rechtfertigen kann. Für Privatleute ist sie ein Grund mehr, die Basisversicherungen abzuschließen – unter umfassenden Konditionen. Einen speziellen Internet-Schutz braucht es normalerweise nicht.