London

Großbritannien im Krisen-Modus

Nach dem Brexit droht die Rezession: Die Zentralbank muss mit historisch niedrigen Zinsen hart gegensteuern

London. Das Brexit-Votum hat Konsequenzen für die britische Wirtschaft: Das Vertrauen der Verbraucher und der Unternehmen ist schwer angeschlagen, die Unsicherheit enorm – nun droht das Land in eine Rezession abzurutschen. Die Zentralbank Bank of England (BoE) muss hart gegensteuern und hat am Donnerstag den Leitzins um 0,25 Punkte auf das Rekordtief von 0,25 Prozent gesenkt.

Es ist das erste Mal seit über sieben Jahren, dass die Zentralbank die Zinsen senkt. Der Schritt war erwartet worden. Was hingegen überrascht sind die zusätzlichen Maßnahmen: Die BoE will britische Staatsanleihen im Volumen von 60 Milliarden Pfund über die kommenden sechs Monate kaufen. Auch kündigten die britischen Währungshüter an, den Banken bis zu 100 Milliarden Pfund zu leihen, um sicherzustellen, dass die Maßnahmen die Realwirtschaft erreichen.

Schließlich wird die Zentralbank auch noch ein Kaufprogramm für Unternehmensanleihen starten, im Volumen von 10 Milliarden Pfund über die kommenden 18 Monate. Der Wechselkurs der Währung verlor infolge der Nachricht merklich: Ein Pfund kostete am Donnerstagnachmittag rund 1,31 Dollar, davor waren es noch 1,33 Dollar.

Noch im Mai waren die Aussichten der Zentralbank gut: Sie erwartete ein Wirtschaftswachstum für 2017 von 2,3 Prozent – jetzt geht sie nur noch von 0,8 Prozent Wachstum aus. Andere Indikatoren zur Verbraucher- und Unternehmensstimmung zeichnen jedoch ein noch düsteres Bild und lassen auch ein Schrumpfen der Wirtschaft möglich erscheinen.

Der Grund dafür ist der Brexit: Die allgemeine Unsicherheit über die wirtschaftliche Zukunft des Landes und den möglichen Verlust des Zugangs zum Binnenmarkt wirken wie Lähmungserscheinungen auf die britische Volkswirtschaft. Personal wird nicht mehr aufgestockt, Investitionen werden gestoppt und Projekte abgesagt. Das Vertrauen und die Investitionsbereitschaft der Manager ist laut den jüngsten Umfragen so schnell gefallen wie seit Anfang der Erhebungen Mitte der 90er-Jahre.

Die Frage im Königreich ist jetzt, ob der Brexit zu einer ausgewachsenen Rezession oder nur zu einem vorübergehenden wirtschaftlichen Einbruch führt. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, sagte, die Wahrscheinlichkeit, dass die britische Wirtschaft im Sommer schrumpfe, nehme täglich zu. Die angesehene Denkfabrik „National Institute of Economic and Social Research“ geht von einer fünfzigprozentigen Wahrscheinlichkeit aus, dass die Wirtschaft in eine Rezession falle. Nach der üblichen Definition liegt eine Rezession vor, wenn die Wirtschaft zwei Quartale hintereinander schrumpft. Das Wachstum werde sich 2018 wieder verbessern, so das Institut.

Dass die Unsicherheit schnell weicht, ist indes unwahrscheinlich. Die Verhandlungen mit der EU über einen Austritt haben noch nicht einmal begonnen und könnten sich über Jahre hinziehen. Welche Bedingungen dann für die Unternehmen gelten, ist ungewiss. Dabei ist die Wirtschaft auf gute Handelsbedingungen und einen Zugang zum europäischen Binnenmarkt angewiesen. Schließlich hat das Land ein großes Defizit im Außenhandel und braucht ausländische Investitionen.

Helfen könnte indes das nach dem Brexit-Votum und der Zinsentscheidung gefallene britische Pfund. Die Exportchancen der britischen Unternehmen steigen damit, da ihre Waren auf dem Weltmarkt billiger werden. Allerdings könnten die gestiegenen Einfuhrpreise zu einer steigenden Inflation in Großbritannien führen. Das wiederum könnte den Spielraum der Notenbank zur Stützung der Wirtschaft beschränken.