Übernahme

Telekom-Konzern Verizon kauft Web-Geschäft von Yahoo

Der Telekom-Konzern Verizon hat den Bieterwettstreit um Yahoo für sich entschieden. Der Kaufpreis liegt bei rund 4,8 Milliarden Dollar.

Yahoo verliert nach über 20 Jahren seine Eigenständigkeit.

Yahoo verliert nach über 20 Jahren seine Eigenständigkeit.

Foto: © Denis Balibouse / Reuters / REUTERS

Philadelphia.  Spätestens in drei Jahren sollte Yahoo in die Liga der Giganten der Internetwirtschaft aufsteigen und mit Google gleichziehen. So hatte es Marissa Mayer 2012 mit strahlendem Lächeln angekündigt, als sie (von Google kommend) bei dem seit langem strauchelnden „Gemischtwarenladen“ der Branche (Wall Street Journal) als Chefin anheuerte. Der Plan der blonden Managerin, die sich einst werbewirksam eine Kinderkrippe auf der Chefetage im Silicon Valley einrichten ließ, um nach der Geburt ihres ersten Babys schneller handlungsfähig zu sein, ist gestern endgültig gescheitert.

Für 4,83 Milliarden Dollar erwirbt der US-Telekommunikations-Riese Verizon das Kerngeschäft des einstigen Pioniers. Der mit knapp 230 Milliarden Dollar bewertete Konzern hatte bereits im vergangenen Jahr für 4,4 Milliarden Dollar den Yahoo-Konkurrenten AOL gekauft. Beide Marken sollen verschmolzen werden, um auf dem lukrativen Feld der Online-Werbung Google und Facebook Marktanteile abzujagen.

Pioniere aus der Zeit vor Google

Mit dem Verkauf geht nach rund 20 Jahren ein Stück Internetgeschichte zu Ende – aus der Zeit vor Google. Die Elektroingenieur-Studenten Jerry Yang und David Filo hatten Anfang der 90er Jahre ein kleines Verzeichnis erstellt („Jerry and David’s Guide to the World Wide Web“), damit sich Internet-Nutzer in dem damals noch anarchischen „Digitalien“ überhaupt zurecht finden konnten. 1995 wurde Yahoo offiziell der Pionier der Branche – mit Suchmaschine, E-Mail-Anbieter und Lieferant von digitalen Inhalten. Vier Jahre später ging es an die Börse. Die New-Economy blähte den Wert binnen eines Jahres auf 120 Milliarden Dollar auf. Schnitt. Zuletzt war die Marktkapitalisierung auf unter acht Milliarden Dollar geschrumpft. Ohne die wertvolle Beteiligung am chinesischen Online-Riesen Alibaba und an Yahoo Japan wäre die Eigenständigkeit des Konzerns schon früher verloren gegangen.

Unter Marissa Mayer, die sich medial stets zu inszenieren wusste (etwa auf dem Cover der Modezeitschrift Vogue), von ehemaligen Mitarbeitern jedoch als kühl und schneidend beschrieben wird, versuchte Yahoo über vier Jahre Anschluss zu finden an die Großen der Internet-Industrie.

Zuletzt verlor Yahoo mehrere Hundert Millionen

Mit milliardenteuren Zukäufen (Beispiel: der Blog-Anbieter Tumblr) wollte Mayer den Dinosaurier wieder attraktiv machen. Das Konzept ging nicht auf. Zwar besuchen in den USA in manchen Monate an die 200 Millionen Nutzer das Yahoo-Angebot (Mail-Dienst, Webseiten für Finanzen, Sport, Dating, Wetter, Nachrichten, Reise, Gesundheit etc.). Nur Geld verdiente die Firma damit zuletzt immer weniger. Allein im zweiten Quartal dieses Jahres wies Yahoo einen Netto-Verlust von 440 Millionen Dollar aus. Die Zahl der Mitarbeiter wurde radikal auf zuletzt 8000 reduziert. Google (mit Youtube) und Facebook (mit Instagram) hatten bei ihren Akquisitionen die deutlich glücklichere Hand.

Mayer hatte den schleichenden Untergang zunächst mit einem fortwährenden Prozess von Umstrukturierungen, Stellenabbau und Zukäufen stoppen wollen. Top-Journalisten wie Katie Couric oder David Pogue wurden für die News-Seiten verpflichtet, dazu Dutzende Start-ups erworben und immenses Geld in mobile Apps und Video-Produktionen gesteckt. Als sich der erwünschte Effekt nicht einstellte, versucht sich Mayer über den Verkauf des Tafelsilbers in Fernost Luft zu verschaffen. Yahoo hält 15 Prozent am chinesischen Internet-Riesen Alibaba und rund 35 Prozent an Yahoo Japan – ein Paket im Wert von rund 40 Milliarden Dollar. Weil die Steuerbehörde in Washington dem auf Sparen angelegten Konstrukt die Zustimmung verweigerte, war spätestens seit Winter vergangenen Jahres die Zerschlagung von Yahoo absehbar.

Verizon dürfte merklich profitieren

Mayer stemmte sich gegen die Entwicklung, die ihren Ruf als Saniererin in beschädigt, lange mit Durchhalteparolen. Noch im Frühjahr sagte sie: „Wir haben vor dreieinhalb Jahren eine Firma übernommen, die trotz ihrer reichen Historie mit sinkenden Umsätzen zu kämpfen hatte – und haben daraus ein Yahoo gemacht, dass stärker und moderner ist.“ Da hatten die meisten Anleger schon die Geduld verloren.

Mit AOL und Yahoo hat Verizon nun die Nr. 3 und die Nr 6. der wertvollsten digitalen Marken in den USA im Konzern-Portfolio. Analysten sehen gute Chancen, dass sich Verizon einen nennenswerten Marktanteil bei der Internetwerbung sichern kann.

Für Mayer ist die Verizon-Übernahme dem Vernehmen nach mit Arbeitsplatzverlust verbunden. Ihr ehemaliger Google-Kollege Tim Armstrong, der unter dem Dach des Telefonanbieters bereits AOL weiterführt, wird voraussichtlich ihren Part übernehmen, melden US-Medien. Auch wenn Mayer selbst betont, dass sie „bleiben will“. Die einstige Vorzeigefrau der Web-Wirtschaft würde jedoch auch im Fall einer Dimission relativ weich fallen. Lautet Börsenmitteilung würde auf sie ein goldener Handschlag warten. Das Abfindungspaket soll rund 55 Millionen Dollar betragen.