Chat-App

Snapchat ist das wohl wertvollste Spielzeug der Welt

Noch sind die Nutzer bei Snapchat so jung wie bei kaum einem Chat-Programm. Doch vielleicht sind bald schon Politiker und Eltern aktiv.

Mit der Funktion „Memories“ lassen sich eigene kleine Geschichten aus mehreren Snaps zusammenstellen.

Mit der Funktion „Memories“ lassen sich eigene kleine Geschichten aus mehreren Snaps zusammenstellen.

Foto: dpa

Berlin.  Morgan aus St. Louis hat in seinem Hostel die Waschmaschine mit dem Trockner verwechselt. Er macht ein kurzes Video von dem Ergebnis, in dem er „Oh Noooo!“ ruft. Klick. Lena sitzt im Auto und ruft: „Morgen flieg ich nach Los Anscheles!!!“ Und Daniel ist auf dem Weg nach Stuttgart und freut sich, dass es auch noch hinter dem Securitybereich Filterkaffee gibt („Lecker!“). Es sind kleine Meldungen aus dem Alltag von Menschen, die mit Snapchat eine kleine Fangemeinde aufgebaut haben, jeder Klick auf das Smartphone bringt sofort ein neues Video oder Foto.

Daniel ist der „heute plus“-Moderator Daniel Bröckerhoff, Lena die Sängerin Lena Meyer-Landrut und Morgan einfach ein Erzieher aus den USA. Er sagt: „Ich bin der Coolste für meine Kids, seit ich bei Snapchat bin.“ Snapchat füllt offenbar eine Lücke, die erst vor wenigen Jahren immer offensichtlicher wurde. Denn: Warum sollen sich Jugendliche in einem Netzwerk wie Facebook tummeln, in dem schon die Eltern aktiv sind?

Über 90 Prozent der US-Nutzer sind unter 20 Jahre

Unter den US-Jugendlichen ist Snapchat jetzt das beliebteste Medium zum Chatten und zum Verschicken von Bildern und Videos. Über 90 Prozent der US-Nutzer sind unter 20 Jahre. Das vor fünf Jahren gegründete Start-up gewinnt derzeit auch in Deutschland deutlich an Mitgliedern – rund 2,5 Millionen sind es derzeit. Weltweit hat es laut Bloomberg derzeit rund 150 Millionen täglicher Nutzer und hat damit Twitter (140 Millionen) erstmals überrundet. Im April ließ Snapchat mitteilen, dass die Nutzer rund 10 Milliarden Videos pro Tag aufnehmen und verschicken. Das Besondere war einmal, dass sich Daten nach spätestens 24 Stunden von selbst löschen. Aber auch das änderte sich mit dem letzten Update vor einer Woche: Jetzt lassen sich die „Snaps“ auch für immer speichern.

Das Geheimnis ist laut Internetexperte Richard Gutjahr gerade diese Unberechenbarkeit. „Ich vergleiche es immer mit einer Wundertüte“, sagt er. „Sie hören nicht auf, innovativ zu sein.“ Fast im Wochenrhythmus fordert das Smartphone den Nutzer auf, die App zu aktualisieren, weil neue Funktionen freigeschaltet werden. „Und das sind dann oft welche, mit denen vorher keiner gerechnet hat.“ Die größte Veränderung sieht Gutjahr in der Einführung von „Stories“: Jeder kann schnelle Filme über sich drehen, die sofort publiziert und nach 24 Stunden wieder gelöscht werden.

Über die Firmenstrategie ist wenig bekannt

Das automatische Löschen war das Erste, wofür Snapchat bekannt wurde: Bilder verschicken, die sich nach einer bestimmten Zeit selbst löschen. Mit quietschbunten Buttons und Filtern, die sich wie eine Maske auf das Gesicht legen, erreichten sie vor allem junge Nutzer. Doch über seine Strategie lässt das Unternehmen die Medien lieber im Unklaren.

Auf Anfrage heißt es, man kommentiere Spekulationen nicht. Und auf die Nachfrage, warum die Benutzeroberfläche so kompliziert ist, heißt es: „Sobald das Programm startet, öffnet sich die Kamera auf dem Telefon.“ Jeder nehme gern Fotos auf und chatte mit einem realen Menschen. Das einzige Thema, über das Snapchat gerade sehr gern redet, ist der Angriff auf den Werbemarkt. Die App probiert seit Monaten „Geofilter“ und „Linsen“ aus, also virtuelle Programme, die sich beim Fotografieren auf die Umgebung oder das Gesicht von Menschen legen – so werden aus Gesichtern plötzlich Engel, Teddybären oder Einhörner, denen ein Regenbogen aus dem Mund fliegt. Als der Fast-Food-Riese Taco Bell in den USA aus den Gesichtern Tacos formte, nutzten das mehr als 224 Millionen Menschen.

Firmen entdecken App für Werbung

Internetexperte Gutjahr sieht darin die Neuerung, die auch in Deutschland demnächst greifen wird. „In den USA ist jeder fünfte Filter eine Werbeeinblendung“, sagt er. „Ob das Gesicht von Ronald McDonald oder das Baseballcap von Donald Trump, die Kunden von Snapchat lassen es sich gern etwas kosten, wenn sie damit die Jugendlichen erreichen.“ Die Firmen müssten kreativ sein, um diese Zielgruppe zu erreichen. „Dafür ändert sich das Aussehen und der gesamte Eindruck von Werbung.“ Es fühlt sich nicht an wie Werbung. Das weckt Begehrlichkeiten: Aktuell wird die App laut dem Online-Fachblatt „Gründerszene“ mit rund 18 Milliarden Euro bewertet – und liegt damit gleichauf mit der Deutschen Bank.

Auch große US-Medienunternehmen lassen ihre Nachrichten inzwischen für Snapchat so anpassen, dass sie auf dem Mobiltelefon optimal aussehen: mit Videos im Hochformat, bunten Buttons und Fotofiltern, zurechtgeschnitten für eine Zielgruppe mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne. CNN, „Vice“ und „Cosmopolitan“ sind bereits an Bord, aus Deutschland bisher nur die „Bild“, Pro7 und der ADAC mit einem eigenen Kanal vertreten. Die Erlöse aus den Werbebotschaften zwischen den Nachrichten teilt sich Snapchat mit den jeweiligen Medien.

Geht’s bald zu Facebook oder an die Börse?

Wohin Snapchat will? Auch darüber hüllt sich das Unternehmen in Schweigen. Wahrscheinlich ist, dass Hauptkonkurrent Facebook zuschlägt und Snapchat kauft – dann wohl für einen noch höheren Preis als das Netzwerk LinkedIn, das Microsoft gerade für 26 Milliarden US-Dollar gekauft hat. Bisher habe es zwei Absagen gegeben, sagt Technikexperte Gutjahr. Ebenso denkbar: der Börsengang. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass laut neuesten Meldungen die Nutzer von Snapchat im Durchschnitt immer älter werden. Bald könnten sich auch Politiker wie Peter Altmaier und Sigmar Gabriel, die bisher auf Twitter aktiv sind, für Snapchat auf dem Weg zur Arbeit filmen – und dann nur einen Klick entfernt sein von Lena Meyer-Landrut.

Die war neulich übrigens krank – und ist trotzdem am Abend zur Veranstaltung einer großen Softeismarke gegangen. Sie hielt das Eis in die Snapchat-Kamera, machte einen Schmollmund und sagte: „Hmmmm.“