Cleveland

VW läutet Diesel-Ende ein

Drei US-Bundesstaaten greifen Konzern mit Klagen an und sehen alle Hierarchien in Abgas-Skandal verstrickt

Cleveland. Volkswagen leitet in Amerika den Abschied von der Diesel-Technologie ein. Außerdem plant der Konzern im Zuge des selbst verschuldeten Abgas-Skandals den radikalen Schwenk hin zur Herstellung von Elektroautos. Amerika-Chef Hinrich Woebcken sagte in einem Interview, dass man den Diesel zwar „nicht stoppe“. „Aber in Wahrheit müssen wir akzeptieren, dass der hohe Anteil an Dieselfahrzeugen, den wir vorher hatten (vor „Dieselgate“ – d. Red.), nicht wieder zurückkommen wird.“ In der US-Autobranche wurden die Äußerungen als „endgültiger Abgesang auf den Diesel“ gewertet.

Dahinter steht nach Informationen dieser Zeitung die VW-interne Skepsis, dass US-Umweltbehörden künftige Dieselmodelle „wahrscheinlich nicht oder nur noch unter hohen Auflagen zertifizieren werden“. Derzeit kann VW gar keine Dieselautos in den USA verkaufen. Außerdem tritt in einem Jahr ein noch strengeres Abgas-Regime in Kraft („Tier 3 standard“), das VW spätestens ab 2019 dazu zwingen könnte, Dieselmotoren ganz vom Markt zu nehmen. „Volkswagen hat den Diesel durch seinen Abgas-Betrug für die gesamte Branche gekillt“, bilanzierte die Auto-Analystin Michelle Krebs.

VW-Chef Woebcken kündigte gegenüber dem „Wall Street Journal“ an, dass der Wolfsburger Konzern bereits in dreieinhalb Jahren E-Autos in den USA produzieren will. Darin liege in puncto „urbane Mobilität“ die Zukunft. Im Gespräch ist unter anderem der Produktionsstandort Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee.

Die Neuausrichtung wird von neuen Klagen überschattet, die nach Ansicht von Rechtsexperten sogar strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnten. Die Generalstaatsanwälte der Bundesstaaten New York, Maryland und Massachusetts erheben im Kern den Vorwurf, dass die Manipulation des Abgas-Ausstoßes auf technische Überlegungen zurückgeht, die 17 Jahre zurückliegen. Laut Klageschrift schlug die Stunde null des sogenannten Defeat Device, das den Abgas-Betrug ermöglicht, 1999. Damals habe die Konzerntochter Audi nach einem Mittel gesucht, um das Diesel-typische Klopfgeräusch beim Start zu dämpfen. Was gelang, aber mit zu hohen Abgaswerten verbunden war. Daraus sei dann nach und nach die groß angelegte Betrugssoftware entstanden, die VW heute weltweit in Misskredit und wirtschaftliche Existenznöte bringt.

Bereits 2006 sei der heutige VW-Vorstandschef Matthias Müller, damals noch bei Audi, darüber informiert gewesen. Er ist namentlich in der Klageschrift genannt, die Zweifel an der bisherigen Verteidigungsstrategie von VW schürt, die da lautet: Wir bereuen zutiefst, dass wir das Vertrauen von Kunden und Behörden aufs Spiel gesetzt haben. Und: Der Betrug war das Werk einer kleinen Gruppe von Technikern.

Stunde null des Schwindels soll bei Audi geschlagen haben

Angeführt von dem für aggressive Verfolgungsmethoden bekannten New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman legen die Ermittler eine Indizienkette dar, die ein anderes Bild ergibt. Danach sollen mehrere Dutzend Techniker und Manager aus allen Hierarchiestufen an dem groß angelegten Schwindel beteiligt gewesen sein.

Laut Schneiderman gab es bei den Konzernmarken VW, Audi und Porsche im Laufe von über zehn Jahren sechs verschiedene Modelle jener Computersoftware, mit der auf dem Prüfstand der Ausstoß von umweltschädigenden Stickoxiden künstlich gesenkt wird. Real blasen die Motoren – allein 600.000 VW-Modelle in den USA sind betroffen – bis zu 40-mal mehr Abgas in die Umwelt als erlaubt.

Laut Klageschrift, die dieser Zeitung vorliegt, informierten die damals für Produktionssicherheit und Qualität zuständigen VW-Manager Bernd Gottweis und Frank Tuch am 23. Mai 2014 – also rund 16 Monate vor dem öffentlichen Bekanntwerden des Skandals – den damaligen Konzernchef Martin Winterkorn detailliert darüber, dass die US-Behörden den Betrug aufgedeckt hatten. Welche Konsequenzen Winterkorn zog, ist Gegenstand der Ermittlungen.

Die US-Ermittler halten es für einen Skandal im Skandal, dass VW-Topmanager trotzdem mit dicken Gehältern und Boni im Volumen von über 60 Millionen Euro bedacht worden seien. Obwohl die „sture und reuelose Firmenkultur bei Volkswagen den systematischen Betrug ermöglicht hat“.

Die bisher unbekannten Details aus den Klageschriften, die VW im Falle eines Urteils zu Strafzahlungen von über einer Milliarde Dollar zwingen könnten, haben die US-Ermittler über einen pikanten Umweg erhalten. Die von VW in Deutschland eingesetzte US-Anwaltskanzlei Jones Day muss ihre Erkenntnisse an das Justizministerium in Washington weiterleiten. Von dort aus gelangten sie an die Ermittler. VW selbst ist, wie US-Kreise auf Anfrage gestern bestätigten, „nicht komplett im Bild darüber, was in Amerika inzwischen alles bekannt ist“. Mit weiteren unliebsamen Details sei zu rechnen.

Weil es den 47 übrigen US-Bundesstaaten freisteht, sich ebenfalls mit Einzelklagen gegen VW in Stellung zu bringen, kann die bisher kalkulierte und durch Rückstellungen abgesicherte Schadenshöhe von knapp 18,5 Milliarden Euro noch „erheblich steigen“, hieß es in US-Kreisen.