Frankfurt/Berlin

Lufthansa bucht Air Berlin

Die Fluggesellschaft will offenbar Flieger und auch die Besatzung der Berliner übernehmen

Frankfurt/Berlin. In Deutschlands Luftfahrtbranche zeichnet sich eine überraschende Entwicklung ab: Lufthansa ist offenbar daran interessiert, Strecken von Air Berlin zu übernehmen. Die Nummer eins in Deutschland würde es damit der Nummer zwei erleichtern, in der Luft zu bleiben. Spekulationen darüber, dass die Berliner sich von bestimmten Verbindungen trennen wollen, hatte es zuletzt immer wieder gegeben. Diesmal scheint es sich allerdings um einen konkreten Vorgang zu handeln.

Wie aus Unternehmenskreisen zu hören ist, verhandelt Lufthansa schon etwas länger mit Air-Berlin-Großaktionär Etihad. Die Fluggesellschaft aus Abu Dhabi sichert den Berlinern seit 2011 mit Finanzspritzen das Überleben. Sie ist seit 2011 mit knapp 30 Prozent größter Anteilseigner.

Konkret sei Lufthansa am dezen­tralen Geschäft des Konkurrenten interessiert, also an den Strecken außerhalb der Air-Berlin-Drehkreuze Berlin und Düsseldorf, hieß es, etwa die Verbindungen von und nach Hamburg und Nürnberg. Denkbar ist demnach, mit den Besatzungen von Air Berlin zu fliegen und deren ohnehin nur geleaste Flugzeuge zu mieten. Es geht offenbar um etwa 40 der 150 Flugzeuge. Fliegen würden sie dann für die Lufthansa-Tochter Eurowings, die der Konzern in Konkurrenz zu den Billigfliegern Ryanair und Easyjet ausbauen will.

Sowohl Air Berlin als auch Etihad und Lufthansa gaben offiziell überraschend gleichlautende Antworten: Man äußere sich zu Spekulationen nicht, hieß es. Offenbar hält Etihad aber eine Einigung mit Lufthansa über einen Teilverkauf der Strecken für sehr wahrscheinlich. Allerdings sind die Verhandlungen noch nicht soweit, dass es für einen Vertrag reichen würde. Im Umfeld der Fluggesellschaften ist zu hören, dass ein solcher Deal spätestens im Herbst abgeschlossen sein soll – gegebenenfalls auch schneller. Stattdessen verkündete die Lufthansa am Mittwoch, das erwartete Gewinnziel für 2016 nicht erreichen zu können. Grund seien Buchungsrückgänge bedingt durch Terrorattacken.

Eine direkte Beteiligung der Lufthansa an Air Berlin würde einige Beobachter überraschen. „Das wäre schon ein sehr großes Entgegenkommen der Lufthansa“, sagt Luftfahrtexperte Cord Schellenberg. Denn in den vergangenen Jahren habe Lufthansa immer wieder kritisiert, eine Golf-Fluggesellschaft dürfe eine deutsche Fluggesellschaft nicht beherrschen. Und tatsächlich kann Etihad als ausländischer Großaktionär seinen Anteil an Air Berlin nicht erhöhen, denn sonst laufen die Berliner Gefahr, die Verkehrsrechte zu verlieren.

Air Berlin schreibt seit Jahren rote Zahlen. Inzwischen sind Nettofinanzschulden von 825 Millionen Euro aufgelaufen, im operativen Geschäft schrieb das Unternehmen 2015 rund 306 Millionen Euro Verlust, im ersten Quartal 2016 waren es schon 172 Millionen Euro. Die Halbjahreszahlen legt das Unternehmen Anfang August vor. Bei seinem Amtsantritt im Februar 2015 hatte Air-Berlin-Chef Stefan Pichler für 2016 eine schwarze Null angepeilt, inzwischen ist das Ziel kassiert.

Air Berlin könnte sich nach dem Lufthansa-Deal auf seine Drehkreuze und den geplanten Ausbau der Fernverbindungen konzentrieren, was die Kosten senkt. Auch der Lufthansa wäre geholfen, denn Eurowings mit seinen derzeit 90 Maschinen wächst aus Sicht der Konzernspitze nicht schnell genug. Es gebe schon seit einem Jahr Überlegungen, wie man im Fall einer Pleite von Air Berlin reagieren könne, ist zu hören. Denn dann müsste Eurowings fürchten, nicht mehr zum Zuge zu kommen. Schließlich soll der britische Billigflieger Easyjet an einer Zusammenarbeit mit Air Berlin interessiert sein, angeblich auf den Strecken von Deutschland nach Spanien. Ansatzweise bestätigt wurde das bisher nicht.

Das gilt auch für Ryanair, Europas Nummer eins nach Passagieren. Die Iren wollen ihre Präsenz in Deutschland deutlich ausbauen. Sie fliegen inzwischen nicht mehr nur kleine Flughäfen wie Weeze am Niederrhein an, sondern setzen auf größere Standorte wie Köln/Bonn. Auch in Berlin haben sie bereits eigene Maschinen stationiert.

Wettbewerb bleibt in Deutschland auf der Strecke

Auf der Strecke bliebe, einigten sich Air Berlin und Lufthansa, vermutlich der Wettbewerb. Bisher profitieren Kunden davon, wenn Fluggesellschaften dieselben Strecken bedienen, weil die Preise dabei niedrig gehalten werden.

Zwei große Probleme plagen indes auch die Unternehmen. Nummer eins: Die Kostenstruktur auch bei Air Berlin sei zu hoch im Vergleich mit der Billigkonkurrenz, sagt Analyst Jochen Rothenbacher von Equinet. Die Tarifbedingungen anzupassen sei aber, so hört man aus dem Umfeld, „lösbar“. Nummer zwei: das Kartellrecht. Lufthansa und Air Berlin bedienen bisher fast 70 Prozent aller Flüge aus Hamburg, die aber nur schlecht ausgelastet sind. Angeblich sollen beide Seiten da schon bei Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) vorgefühlt haben, inwieweit sich dieses Problem lösen lasse.