Berlin

Pleite nach Unfalltod

Der digitale Reise-Riese Unister ist kurz nach dem Absturz des Gründers insolvent. Kunden müssen sich wohl erst einmal wenig Sorgen machen

Berlin. Was für ein Drehbuch: Ein Studienabbrecher baut seine Geschäftsidee zu einem führenden Reisevermittlungsunternehmen im Internet aus, dann gibt es Abzocke-Vorwürfe, Klagen wegen Steuerhinterziehung. Mitarbeiter müssen gehen, die Finanzlage wird eng. Bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz kommt der Mann dann ums Leben, an der Absturzstelle wird viel Bargeld gefunden. Wenige Tage später ist sein Unternehmen pleite.

Der Krimi ist die wahre Geschichte von Thomas Wagner und der Unister Holding aus Leipzig, Mutter von Internetportalen wie ab-in-den-urlaub.de und fluege.de – und insgesamt größtes Online-Reiseportal Deutschlands. Allein fluege.de besuchen monatlich mehr als 2,6 Millionen Internetnutzer. Am Montag meldete das Leipziger Unternehmen Insolvenz an.

Die Eigentümer hatten sich nach dem Tod des Chefs nicht auf einen neuen Geschäftsführer einigen können, aber darauf, dass ein Sanierungsexperte nötig ist. Auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten spielten eine Rolle, wie es hieß. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter erklärte das Amtsgericht Leipzig den Sanierungsspezialisten Lucas Flöther aus Halle.

Kunden müssen sich wohl im Augenblick keine großen Sorgen machen. Denn insolvent ist zunächst nur Unister selbst. Die Tochtergesellschaften, die unter anderem Reisen und Flüge vermitteln, seien nicht betroffen, meldete das Unternehmen. Es gehe darum, die Einheit des Unternehmens zu erhalten, sagte der Insolvenzverwalter.

Thomas Wagner, Oliver Schilling und einige andere gründeten Unister 2002 als Studienplatztauschbörse. Wagner hatte da gerade sein Betriebswirtschaftsstudium abgebrochen. In der Folge bauten die Gründer eine Firmengruppe aus Reise-, Finanz- und Versicherungsportalen im Internet auf. Unister wuchs, und Chef Wagner bewies, dass auch aus dem Osten Deutschlands erfolgreiche Internetunternehmer kommen. Doch richtig rundlief es nach dem enormen Wachstum nicht mehr: Seit 2012 wird gegen Wagner und drei weitere Manager unter anderem wegen Steuerhinterziehung ermittelt. Zudem brauchte das Unternehmen Geld. Ende Mai verkauften die Leipziger das Portal geld.de für einen zweistelligen Millionenbetrag.

Vergangenen Donnerstag starben Wagner und Schilling sowie zwei weitere Personen bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien. An der Absturzstelle soll Geld in großem Umfang gefunden worden sein. Die beiden waren auf dem Rückweg aus Venedig, wo sie mit Investoren gesprochen haben sollen.

Auch wenn die Pleite nicht unerwartet kommt: Für die Branche ist sie schon allein wegen der Größe des Firmengeflechts ein einschneidendes Ereignis. Kay Rodegra, Anwalt und Experte für Reiserecht, sagt: „Die Insolvenz eines derart großen Players in der Reisebranche ist immer ein Paukenschlag.“ Gleichzeitig hat er für Kunden, die über ein Unister-Portal gebucht haben, gute Nachrichten: „Die direkten Auswirkungen auf die Kunden sind nach dem derzeitigen Stand begrenzt.“

Solange das operative Geschäft der Unister-Töchter weiterläuft, ändert sich für Kunden dieser Unternehmen nichts. Ob eine mögliche künftige Insolvenz weiterer Tochtergesellschaften Auswirkungen habe, sagt Rodegra, hänge vom Geschäftsmodell ab. „Handelt es sich lediglich um ein Vermittlungsportal, schließen die Kunden den Vertrag mit der Fluggesellschaft oder dem Reiseveranstalter und nicht der Unister-Tochter.“ Ein Sprecher des Reiseveranstalters Thomas Cook sagt, das Unternehmen werde weiter Reisen auf ab-in-den-urlaub.de anbieten. „Der Kunde schließt mit uns den Vertrag und bezahlt uns direkt“, sagt der Sprecher, die Unister-Tochter erhalte nur eine Provision.

Ein anderer Fall: Wenn eine Unister-Tochter selbst Reiseveranstalter sei, könnte eine Insolvenz die Kunden direkt betreffen. Unister ist in diesem Markt jedoch nur ein kleiner Anbieter, zum Beispiel mit dem Veranstalter „Urlaubstours“. Selbst deren Kunden haben eine Absicherung. „Bei einer Pauschalreise gibt es eine gesetzlich vorgeschriebene Insolvenzversicherung. Jeder Reisende erhält einen Sicherungsschein, auf dem der Insolvenzversicherer steht. Damit ist der Reisepreis abgesichert. Sollte die Reise schon angetreten worden sein, ist zum Beispiel die Übernahme der Rückreisekosten gewährleistet“, sagt Rodegra.

Wie es für Wagners Imperium weitergeht, ist unklar. Auf die rund 1100 Mitarbeiter kommen unsichere Zeiten zu. Doch Genaues wird sich wohl erst in den kommenden Wochen und Monaten ergeben. Nicht einmal der Flugzeugabsturz ist geklärt. Das Wrack wird derzeit auf einem Flughafen nahe der slowenischen Hauptstadt Ljubljana genauer untersucht.