Luftfahrt

Bei Aufträgen fliegt Boeing Airbus davon

Hamburg. Um neue Aufträge haben sich Flugzeugbauer in den vergangenen Jahren nicht sorgen müssen. Flug- und Leasinggesellschaften bestellten seit 2011 mindestens 768 Maschinen netto pro Jahr bei Boeing. Bei Airbus waren es im schlechtesten Jahr sogar mehr als 800. Doch seit diesem Januar halten sich die Kunden deutlich zurück. Im ersten Halbjahr wurden bei den Weltmarktführern insgesamt nur 471 Jets bestellt. „Für die Branche ist 2016 ein Konsolidierungsjahr“, sagt Luftfahrtexperte Cord Schellenberg.

2016 liegt Boeing klar vor seinem europäischen Erzrivalen. Der US-Anbieter erhielt bis zum 5. Juli Bestellungen für 288 Flugzeuge. Bei Airbus waren es 183. Branchenexperten machen gleich mehrere Gründe für den Rückgang aus. Der Markt wachse nicht mehr ins Unermessliche, die Zeit der Rekordbestellungen sei vorbei, sagt Schellenberg. Weil Öl – und damit auch Kerosin – relativ günstig ist, ist der Druck gering, in spritsparende Flugzeuge zu investieren. Zumal die Finanzlage bei einigen Fluggesellschaften angespannt ist und sie hohe Ausgaben scheuen. Zudem haben die wichtigsten Fluggesellschaften und Jetfinanzierer in den vergangenen Jahren gut bestellt, um in einigen Jahren die benötigen Maschinen zu bekommen.

Die stark wachsenden Billigflieger aus Asien und Amerika hätten längst bestellt, sagt Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. „Es kehrt jetzt ein wenig Ruhe in den Markt ein.“ Das liege auch daran, dass sich das Passagierwachstum abschwäche. In den USA belastet demnach die unsichere Konjunkturlage, in Europa das Thema Terror. Attentate in beliebten Städtereisezielen wie Paris, Brüssel und Istanbul sowie in sonnigen Urlaubsländern wie Tunesien führten dazu, dass diese Ziele weniger gefragt sind. „Eine Fluggesellschaft bestellt, wenn sie für die Zukunft zuversichtlich ist“, sagte Großbongardt. Dieser Optimismus lasse derzeit nach.

Bombardier entwickelt sich zum echten Konkurrenten

Für die Luftfahrtmesse in Farnborough bei London, die an diesem Montag beginnt, erwarten Brancheninsider neue Bestellungen, aber im Vergleich zu früher eher im kleineren Umfang. Bei der letzten Farnborough-Messe vor zwei Jahren sammelten die Aussteller Verträge und Vorverträge über 201 Milliarden Dollar (18 Milliarden Euro) ein. „Die ein oder andere Order wird Airbus aber sicher in der Tasche haben und dort vorstellen“, sagte Großbongardt.

Allerdings könnte es im Segment der Kurz- und Mittelstreckenflieger mit mehr als 100 Sitzplätzen erstmals ernsthafte Konkurrenz für Airbus und Boeing geben. Im Juni lieferte der kanadische Hersteller Bombardier seine erste C-Serie aus, die gegen die kleinen Ausführungen der A320-Familie und 737-Reihe antritt. Im April bestellte Delta Airlines aus den USA bis zu 125 dieser Maschinen. Ende Juni orderte Air Canada 45 Jets fest und schloss eine Option über 30 weitere. Das Gesamtvolumen des Auftrags liegt laut Preisliste bei 6,3 Milliarden Dollar.

Sorgen um die beiden Marktführer seien angesichts der neuen Konkurrenz aber fehl am Platze, sagt Großbongardt: „Airbus und Boeing haben jahrelang mehr Bestellungen als Auslieferungen gehabt. Da ist ein dickes Polster vorhanden, das jetzt abgearbeitet werden kann.“

Für Passagiere erwartet Experte Schellenberg übrigens Positives: „Es kommen neue Flugzeuge auf den Markt, sodass sich der Wettbewerb verschärft. In der Folge werden die Preise für Tickets weltweit fallen.“