Düsseldorf

Millionenschaden durch Chef-Schwindel

Beziehung zum Finanz-Verantwortlichen wird akribisch aufgebaut – und dann schlagen die Betrüger zu

Düsseldorf. Wie kommt der Buchhalter eines Unternehmens dazu, einen Betrüger für seinen Chef zu halten und ihm nach ein paar E-Mails Millionenbeträge zu überweisen? Was klingt wie eine billige Masche aus Nigeria ist tatsächlich ein raffinierter Trick. Und er ist erfolgreich. In Nordrhein-Westfalen seien bereits 31 Millionen Euro ergaunert worden, davon konnten 20 Millionen Euro aber von den Ermittlern noch rechtzeitig „eingefroren“ werden, berichtete Uwe Jacob, der Chef des Landeskriminalamts. Hinter dem Betrug, der seit Mitte vergangenen Jahres häufiger vorkomme, stecke ein weltweites Netzwerk der organisierten Kriminalität. Das FBI beziffert den weltweiten Schaden auf 3,1 Milliarden US-Dollar (2,8 Milliarden Euro) in 100 Staaten.

Die wenigsten Fälle werden öffentlich. „Wir gehen auch davon aus, dass längst nicht alle Versuche angezeigt werden“, sagte Ronny Wolf von der Commerzbank. Erst Ende Mai feuerte der österreichische Flugzeugzulieferer FACC seinen Geschäftsführer – wie zuvor schon die Finanzchefin. Unter ihrer Aufsicht waren 50 Millionen Euro verschwunden, nur elf Millionen tauchten wieder auf.

Wie läuft der Betrug ab? „In der Regel schreiben die Betrüger ihr Opfer per Mail an“, sagte Alexander Geschonneck von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Eine Firmenübernahme stünde bevor oder ein anderes großes Geschäft, für das der vermeintliche Geschäftsführer Geld benötige. Zu überweisen auf ein Konto in China oder Hongkong. „Der Buchhalter wird zur Verschwiegenheit verpflichtet. Es wird eine Vertraulichkeitsaura aufgebaut.“ Weil das Prinzip sich gleicht, nennen die Ermittler die neue Masche auch „Enkeltrick 4.0“. Aber weil Buchhalter natürlich nicht so leichtgläubig sind wie die oft verwirrten Senioren, ist der Chefschwindel ungleich komplexer aufgebaut.

Die Betrüger suchen im Handelsregister, in Organigrammen oder über soziale Netzwerke nach den Bevollmächtigten in einer Firma. Mit gefälschten Profilen freunden sie sich mit Mitarbeitern an und erfragen Interna der Firma. Sie geben sich als Kunden oder Geschäftspartner aus und wollen durchgestellt werden zum Finanzchef.

Haben sie ihr Opfer gefunden, wird es systematisch ausspioniert – und dann langsam eingewickelt. „Ein Buchhalter hat schon Wochen vor dem eigentlichen Betrugsversuch einen Anruf des vermeintlichen Chefs bekommen, der ihm zum Firmenjubiläum gratulierte“, sagte Wolf. So glaubte das Opfer, die Stimme des Geschäftsführers zu kennen, als der sich wieder meldete. Der Trick gelinge vor allem in patriarchisch geführten Unternehmen, oder solchen, wo es unüblich ist, Nachfragen zu stellen.