Frankfurt/Main

Komplizierte Standortfrage

Die Fusion von Deutscher Börse und London Stock Exchange ist vom Brexit bedroht. Eine Lösung fehlt bisher

Frankfurt/Main.  Das Zusammengehen von Deutscher und Londoner Börse scheint unter einem schlechten Stern zu stehen. 2000 scheiterte die Deutsche Börse bei ihrem Versuch einer Fusion, die Aktionäre der London Stock Exchange (LSE) und die Londoner Broker stellten sich quer. Werner Seifert, damals Chef der Deutschen Börse, ließ sich von seiner Idee jedoch nicht abbringen. Vier Jahre später versuchte er eine aggressive Übernahme. Dieses Mal aber waren es seine eigenen Aktionäre, die blockierten. Gegen ihren Widerstand kam Seifert nicht an, er trat schließlich zurück.

Im dritten Anlauf versucht der jetzige Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter sein Glück. Dieses Mal sind beide Seiten dafür und loben die „industrielle Logik“ der Fusion. Doch nun droht der Brexit, die Bemühungen zunichtezumachen. Mit dem Ausgang des EU-Referendums aber hatten Kengeter und LSE-Chef Xavier Rolet nicht gerechnet – und der drohende Austritt schafft ein riesiges Problem.

Denn der Sitz der fusionierten Börse darf aus aufsichtsrechtlichen Gründen nicht außerhalb der EU liegen. Das war in den vergangenen Tagen immer wieder zu hören, maßgeblich etwa von Felix Hufeld, Chef der Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin, der sich das „nur schwer vorstellen“ kann. Nun versuchen die Börsenmanager ihr Projekt zu retten: Offenbar wollen sie nun zumindest einen Sitz in der EU installieren. Das könnte auch eine Doppelsitzlösung sein, ist zu hören. Denn offenbar wäre eine Fusion mit alleinigem Sitz etwa in Frankfurt/Main für die britische Politik ein No-Go, nicht zu machen also.

Vorschnell, wie die Manager waren, haben sie den weiteren Zeitplan schon früh festgezurrt: Schon am 1. Juni, also gut drei Wochen vor der Brexit-Abstimmung, legte die Deutsche Börse ihren Aktionären das Umtauschangebot vor, sie können bis zum 12. Juli um Mitternacht entscheiden, ob sie ihre Aktien in die der neuen Holding tauschen. Dazu ist eine Mehrheit von 75 Prozent nötig. Nach dem Brexit ist das Angebot für sie zwar nicht mehr so attraktiv, weil der Wert der LSE seither gesunken ist. Die Aktionäre der Londoner Börse profitieren eher von dem Angebot, sie stimmten zu fast 100 Prozent der anwesenden Stimmen auf der außerordentlichen LSE-Hauptversammlung am vergangenen Montag der geplanten Fusion zu.

Die Krux: Basis des Beschlusses ist der Vertrag, der London als rechtlichen Sitz der Holding vorsieht. Offenbar versuchen die Börsenmanager nun im Gespräch mit der Börsenaufsicht zu retten, was zu retten ist. Das Angebot kann aus rechtlichen Gründen nicht mehr geändert werden, das hat auf deutscher Seite die Bafin geprüft. Was die Standortfrage angeht, ist die Bafin jedoch nicht maßgeblich. Tatsächlich, also formal entscheiden müssen zum einen die Wettbewerbsbehörden, vor allem in der EU. An ihnen dürfte die Fusion nicht scheitern, weil sich beide Börsen in ihren Sparten gut ergänzen. Die Standortfrage wird aber eine Rolle bei der Genehmigung des hessischen Wirtschaftsministers Tarek Al-Wazir (Grüne) spielen, der die Aufsicht über die Börsen ausübt.

Offenbar versucht man nun, die Aufpasser zu überzeugen, dass man zunächst mit dem alten Vertrag fusioniert, aber zusagt, danach die Standortfrage neu zu klären. Der Vorstand der neuen Börse könnte mit einer Mehrheit von 75 Prozent beschließen, den Sitz in die EU, wahrscheinlich nach Frankfurt, zu legen – oder einen zweiten Sitz dort einzurichten. Ob sich die Aufsichtsbehörden darauf einlassen, ist keineswegs sicher. Entscheiden will Al-Wazir erst im Herbst. Ohnehin dürfte sich das Vorhaben wegen der Brexit-Komplikationen verzögern: Dem Vernehmen nach rechnen die Börsenbetreiber nun frühestens damit, Anfang kommenden Jahres das gemeinsame Geschäft aufzunehmen.