Privatinsolvenz

Vor allem nach dem Jobverlust droht die Schuldenfalle

Im vorigen Jahr haben 78.500 Menschen in Deutschland Insolvenz angemeldet. Die Wege dorthin und wieder raus sind dabei vielfältig.

Für zahlreiche Arbeitslose und ehemalige Selbstständige führt der Weg in die Privatinsolvenz.

Für zahlreiche Arbeitslose und ehemalige Selbstständige führt der Weg in die Privatinsolvenz.

Foto: Alexander Heinl / dpa

Berlin.  Die kleine Werbeagentur von Melanie Krause (Name geändert) lief immer schlechter. Lange hangelte sie sich von Auftrag zu Auftrag, ohne dass die laufenden Kosten aus den Einnahmen gedeckt werden konnten. Schließlich blieben Rechnungen unbezahlt und sie stand mit einem fünfstelligen Betrag im Minus. „Es blieb nur die Privatinsolvenz“, erinnert sie sich heute. Sechs Jahre lang stotterte sie einen Teil der Verbindlichkeiten ab. Dann war sie wieder schuldenfrei. Das war vor Einführung der Privatinsolvenz im Jahr 1999 noch nicht möglich. Bis dahin blieben die Betroffenen ein Leben lang in der Schuldenfalle stecken. Seither haben mehr als 1,1 Millionen Verbraucher Insolvenz beantragt.

Melanie Krause ist kein Einzelfall. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts haben im vorigen Jahr 78.500 Menschen ein Verbraucherinsolvenzverfahren eröffnet. „Zusätzlich zu den rein finanziellen Schwierigkeiten haben Überschuldete häufig noch unter Stress und psychischem Druck zu leiden“, sagt der Präsident des Amtes, Dieter Sarreither. Auch Statusverlust und gesellschaftliche Ausgrenzung seien Folgen der Misere. Als überschuldet gelten Haushalte, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Rechnungen pünktlich zu begleichen. Auf rund zwei Millionen Menschen schätzen Experten den Kreis der gefährdeten Haushalte.

Wenn nicht mal mehr Geld für den Strom da ist

Trotz niedriger Arbeitslosigkeit und steigender Löhne leben laut Statistik viele Haushalte in finanziell schwierigen Verhältnissen. Allein 2015 haben fast 650.000 Bürger die Hilfe von Schuldnerberatungsstellen gesucht. In 350.000 Wohnungen kappten die Stromversorger 2014 die Energielieferungen, weil die Rechnungen nicht bezahlt wurden. Fast ein Drittel der Bevölkerung habe Schwierigkeiten, unerwartet anfallende Ausgaben wie eine Autoreparatur für 1000 Euro aus eigenen Mittel zu finanzieren.

Alleinsein birgt ein erhöhtes Risiko, ins Minus zu rutschen. 2015 waren 14 Prozent der Besucher von Beratungsstellen alleinerziehende Frauen. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt nur bei sechs Prozent. Mit 30 Prozent ist auch der Anteil allein lebender Männer viel höher als im Bevölkerungsschnitt. „Paare ohne Kinder waren hingegen vergleichsweise selten überschuldet“, erläutert Sarreither.

Ältere haben die höheren Schulden

Betroffene stehen teils beträchtlich in der Kreide, im Durchschnitt mit 34.400 Euro – Baudarlehen und offene Rechnungen Ex-Selbstständiger inbegriffen. Ohne diese besonders hohen Verbindlichkeiten liegt der Mittelwert immer noch bei 25.700 Euro. Zwischen den Altersgruppen gibt es erhebliche Unterschiede. Hilfesuchende zwischen 18 und 24 Jahren kamen auf 7900 Euro, die 45- bis 54-jährigen auf den Höchstwert von 51.100 Euro. Wie schwer es den Schuldnern fällt, die Forderungen abzutragen, zeigt ein Blick auf deren Einkommen. „Die durchschnittlichen Schulden betragen das 33-Fache des Monatseinkommens“, so Sarreither.

Gründe für die finanzielle Not sind oft unerwartete Veränderungen in der Lebensplanung. Arbeitslosigkeit nennt jeder fünfte Ratsuchende als Auslöser. Krankheit, Sucht und Unfälle sowie die Trennung vom Lebenspartner sind ebenfalls häufig die Ursache. Nur gut jeder Zehnte bekennt, dass sein Haushalt mehr ausgibt als einnimmt.

Unterschiede gibt es auch zwischen Städtern und Bewohnern ländlicher Gebiete. Die Großstädter sind mit durchschnittlich 34.800 Euro deutlich höher im Soll als Landbewohner mit 24.900 Euro. Auch geraten Haushalte in Städten häufiger in die Schuldenfalle als auf dem Land. Junge Menschen haben die höchsten Rechnungen bei Telekommunikationsanbietern offen, mehr als bei Banken. Bei den Älteren ist es umgekehrt. Hier bereiten vor allem Darlehen Probleme. Oft drücken zudem Schulden bei Versandhändlern, Energieversorgern und Vermietern.