Investor

Rheinland-pfälzische Bruchlandung am Flughafen Hahn

Der Verkauf des Flughafens Hahn ist gescheitert. Der Investor brachte mehr Schein als Sein. Das gefährdet auch die Landesregierung.

Vorübergehend Geschäftspartner (v.l.): Der rheinland-pfälzische Innenstaatssekretär Randolf Stich (SPD), die Investoren Kyle Wang und Yu Tao Chou sowie Innenminister Roger Lewentz (SPD).

Vorübergehend Geschäftspartner (v.l.): Der rheinland-pfälzische Innenstaatssekretär Randolf Stich (SPD), die Investoren Kyle Wang und Yu Tao Chou sowie Innenminister Roger Lewentz (SPD).

Foto: dpa Picture-Alliance / Thomas Frey / picture alliance / dpa

Berlin.  Sie sind akkurat gekleidet, lächeln, wie sich das gehört für zwei chinesische Manager, die gerade einen deutschen Flughafen für einen zweistelligen Millionenbetrag gekauft haben. Kyle Wang und Yu Tao Chou erklären an diesem Montag, es ist der 6. Juni 2016, was sie alles vorhaben mit Frankfurt-Hahn. Wieder mehr Frachtflüge, mehr Flugpassagiere, vor allem aus China. Doch was wie die große Zukunft des ehemaligen US-Flugplatzes im strukturschwachen Gebiet klingt, führt zu einer veritablen Krise der jungen rot-gelb-grünen Landesregierung unter Malu Dreyer (SPD). Und jetzt, Ende Juni, ist klar: Alle hätten von Anfang an wissen können, dass die Geschichte zu schön ist, um wirklich wahr zu sein.

Die Geschichte geht an jenem 6. Juni so: Die Shanghai Yiqian Trading Company (SYT), vertreten durch den Generalbevollmächtigten Yu Tao Chou, kauft 82,5 Prozent der Anteile an der Flughafen-Betreibergesellschaft von Rheinland-Pfalz. Hessen will seinen Anteil ebenfalls andienen. Als Preis werden um die 13 Millionen Euro kolportiert. Vorgesehen sind bis 2024 insgesamt bis zu 70 Millionen Euro staatliche Zuschüsse und Bürgschaften. Der Vertrag ist am 2. Juni notariell beglaubigt worden. Hinter SYT steht der große chinesische Baukonzern Guo Qing Investment Company, vertreten durch Kyle Wang. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG haben die Vertragsverhandlungen begleitet und die Papiere geprüft. Yu Tao Chou liefert die für solche Geschäfte nötige Portion Schwulst: „Ich habe mein Herz an den Flughafen Hahn verloren.“

Spur führt zu einem Reifenhändler in Shanghai

Schon einen Tag später gibt es von der chinesischen Handelskammer in Deutschland Hinweise, dass diese Geschichte vielleicht nur die positive Version der rheinland-pfälzischen Landesregierung ist und das Lächeln der beiden Chinesen doch eine Spur zu süffisant war. Denn SYT und Guo Qing Investment sind in Shanghai praktisch unbekannt. Der SWR-Korrespondent Sebastian Hesse versucht, die Firmen zu finden, und entdeckt vor einigen Tagen dann SYT in einem Hochhaus der ostchinesischen Stadt: eine handvoll Mitarbeiter, kein Firmenschild. Die Adresse des vermeintlichen Großinvestors Guo Qing führt zu einem Reifenhändler, von Mitarbeitern keine Spur. Allerdings berichtet der Reifenhändler davon, dass immer wieder Anleger kämen, um sich über Guo Qing zu beschweren.

Roger Lewentz (SPD), Innenminister von Rheinland-Pfalz, stoppt das Geschäft dann am Mittwoch dieser Woche. Offizielle Begründung: SYT sei eine vereinbarte Zahlung schuldig geblieben, weil eine Genehmigung der chinesischen Regierung fehle. Die Landesregierung prüfe rechtliche Schritte. Am Donnerstag kündigt Lewentz an, dem Investor noch eine letzte Chance zu geben. Und KPMG soll bei den beiden anderen Bietern noch einmal anfragen.

Über die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Freitagausgabe) meldete sich Projektmanager Kyle Wang: „ Der Kaufprozess ist zu 70 bis 80 Prozent abgeschlossen“, behauptet er. Er versuchte Zweifel an der Seriosität des Käufers zu zerstreuen. Der asiatische Konzern, der hinter dem Investmentvehikel stehe, sei solvent und eine Macht in der Bauindustrie, sagte Wang.

„Das ist ein geplantes Belügen der Öffentlichkeit“

Die Opposition im Landtag tobt schon längst. CDU-Fraktionschefin Julia Klöckner spricht von einer Pappkartonfirma. „Wir haben allen Grund zur Skepsis, wenn eine Landesregierung mit einem Phantom verhandelt.“ Klöckner kritisiert, dass das Parlament erst jetzt über die Schwierigkeiten informiert wurde. „Das ist ein geplantes Belügen der Öffentlichkeit.“ Sie hat schon Anfang Juni am Investor gezweifelt. Die AfD-Fraktion fordert einen Untersuchungsausschuss. Nächsten Donnerstag ist eine Sondersitzung des Landtags geplant.

Und KPMG? Carsten Jennert, Anwalt der Wirtschaftsprüfer, hat Anfang Juni gesagt, die Geschäftspläne von SYT seien von den eigenen Fachleuten, Rheinland-Pfalz und der EU-Kommission geprüft worden. „Damit wollen wir sicherstellen, dass wir Szenarien wie in Lübeck oder Parchim vermeiden können.“ Jetzt schweigt KPMG zu dem Vorgang. Der chinesische Investor für den Flughafen Lübeck hat sich im Herbst 2015 zurückgezogen, was die Insolvenz zur Folge hatte. In Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) investiert der chinesische Eigner immerhin seit 2007, groß entwickelt hat sich bisher nichts. Geld verdient wird auch nicht.

Für 2016 ein Minus von 16 Millionen Euro erwartet

So sieht es auch in Frankfurt-Hahn aus. Allein für 2016 erwarten Experten ein Minus von 16 Millionen Euro. Die Schulden liegen weit über 100 Millionen Euro. Der Flughafen ist anders als der Name vorspiegelt 102 Kilometer Luftlinie von Frankfurt/Main entfernt. Mit dem Auto oder Bus sind es 124 Kilometer – einen Bahnanschluss hat das Gelände im Hunsrück nicht. Immerhin gibt es eine Nachtflugerlaubnis, etwas, was vor allem Frachtfluggesellschaften schätzen. Allerdings kann der Flughafen auch damit nicht recht punkten – zu abgelegen. Und der Passagierverkehr ist von Ryanair abhängig. Nur hat die irische Billigfluglinie ihre Geschäftsstrategie geändert und fliegt lieber direkt große Städte wie Köln und Berlin an.