Frankfurt/Main

Wohin geht die Deutsche Bank?

Vor einem Jahr kam der Brite als Sanierer zum Institut. Die Arbeit läuft zäh. Anlegern fehlt eine Zukunftsstrategie

Frankfurt/Main. Es läuft gerade nicht rund. Wieder einmal. Auch am Mittwoch musste John Cryan zusehen, wie es mit dem Kurs der Deutschen Bank bergab ging. Immerhin drehte er zum Schluss leicht ins Plus. Seit der Brite am 1. Juli 2015 beim krisengebeutelten Institut anfing, kennt der Kurs tendenziell nur eine Richtung: abwärts. In den vergangenen Tagen war es besonders schlimm: Seit Freitag, seit klar ist, dass Großbritannien die EU verlassen will, hat die Aktie fast ein Fünftel an Wert verloren. Da mag auch mitspielen, dass der berühmte US-Investor George Soros sich das größte deutsche Geldhaus als Spekulationsobjekt ausgesucht hat: Er hat 100 Millionen Euro auf den weiteren Niedergang des Aktienkurses der Bank gewettet.

Eine Wette, die bisher aufzugehen scheint – allerdings ist das Institut inzwischen auch ein leichtes Opfer. „Da befindet sich die Deutsche Bank in prominenter Gesellschaft“, kommentiert Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Der Aktionärsschützer begleitet die Bank schon lange, ist immer einer der ersten Redner auf den Hauptversammlungen. „Ich mache mir keine Gedanken, wenn ein Spekulant wie Soros auf den Zug aufspringt“, sagt Nieding, „Gedanken mache ich mir erst, wenn ernst zu nehmende Kunden der Bank abspringen, und wenn wir sehen, dass die Bank vom Wettbewerb abgehängt wird.“ Diese Gefahr besteht durchaus.

Denn Cryan ist in seinem ersten Jahr bei der Deutschen Bank so mit Sanieren und Aufräumen beschäftigt, dass das operative Geschäft leidet. Da wären zunächst die Rechtsstreitigkeiten zu nennen, die ihm seine Vorgänger hinterlassen haben: 1,2 Milliarden Euro zahlte die Bank im ersten Quartal für die Beilegung einiger Verfahren, 7800 sind immer noch offen. Und ob die verbliebenen 5,4 Milliarden Euro reichen, die Cryan dafür hat zurückstellen lassen, ist zweifelhaft.

Das ist ein Grund, warum der Kurs nicht auf die Beine kommen will. Wenn diese Summe zu gering sein sollte, dann dürfte die nächste Kapitalerhöhung anstehen. Die will die Bank tunlichst vermeiden. „Das wäre eine Katastrophe“, sagt Michael Cloth, Analyst der Commerzbank. Cryan hat zwar in Aussicht gestellt, dass er die belastenden Rechtsstreitigkeiten so schnell wie möglich aus der Welt schaffen will. Aber da sind noch einige dicke Brocken dabei wie etwa die Geldwäschegeschäfte in Russland – auch hier droht eine Milliardenstrafe.

„Schwächen im operativen und administrativen Bereich der Bank kommen hinzu“, sagt Aktionärsschützer Nieding. „Offenbar binden die Aufräumarbeiten so viel Managementkraft, dass man im operativen Geschäft langsam ins Hintertreffen gerät.“

Cryan hat sich bisher vor allem als Sanierer gezeigt. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Deutsche-Bank-Chef, damals noch als Partner von Co-Chef Jürgen Fitschen, sparte er nicht mit Kritik an der „lausigen IT“ der Bank und den überzogenen Boni vieler Manager. Dass die IT nicht das macht,was sie soll, erfuhren Kunden Anfang Juni, als das System Buchungen doppelt anzeigte und mancher plötzlich übers Wochenende im Minus war. Die Bank sprach von „Darstellungsproblemen“.

Cryan, der Sanierer, jedenfalls griff bisher durch, nahm etwa große Abschreibungen vor, die zum Rekordverlust von 6,8 Milliarden Euro für 2015 führen. Die Dividende wurde für mindestens drei Jahre gestrichen, der Vorstand verzichtete auf Boni. Dennoch reichte dieses Vorbild offenbar nicht: Die variable Vergütung im Konzern insgesamt sank 2015 nur um elf Prozent – offenbar lassen sich einige Mitarbeiter nur über Halteprämien zum Bleiben bewegen. Und immer noch verdienen mehr als 700 der 100.000 Mitarbeiter weltweit mehr als eine Million Euro im Jahr.

Im Ton ist Cryan inzwischen etwas gemäßigter geworden, lobt bei öffentlichen Auftritten gern die Mitarbeiter – muss aber doch den Sanierungsplan, den seine Vorgänger Jürgen Fitschen und Anshu Jain ausgearbeitet haben, im Wesentlichen umsetzen. Dazu gehört der Abbau von 9000 Stellen weltweit, 4000 davon in Deutschland. 2500 Vollzeitstellen in den Filialen fallen weg, 188 von 723 werden geschlossen – vor allem in den großen Städten.

Noch bleibt die Bank sowohl im Privatkunden- als auch im Investmentbanking aktiv. Sie verdient aber im Filialgeschäft zu wenig Geld. „Ihre Stärke ist das Kapitalmarktgeschäft“, sagt Analyst Cloth. Das Aktiengeschäft auszubauen in Märkten, in denen sie stark ist, wäre aus seiner Sicht etwa eine Möglichkeit.

Und nun muss ausgerechnet der Brite Cryan auch noch die Folgen des Brexits, des Ausstiegs der Briten aus der Europäischen Union, managen: Er hat angekündigt, Mitarbeiter aus London zurück an den Stammsitz nach Frankfurt/Main zu holen. Zu alledem stockt der Verkauf der Postbank, ein Kernpunkt der Sanierung der Deutschen Bank. Interessenten sind rar, vor allem Interessenten, die einen aus Sicht der Deutschen Bank angemessenen Preis zahlen wollen. Wahrscheinlich bleibt Cryan nichts anderes übrig, als sie irgendwann doch an die Börse zu bringen – wobei das Anlegerumfeld derzeit nicht gerade freundlich für Banken ist.

Das „Handelsblatt“ hat Cryan vor einiger Zeit eine Woche begleiten dürfen auf der Tour von London nach Singapur nach Frankfurt/Main, und einen Manager erlebt, der sich in Details auskennt und etwas verändern will, aber nicht immer den richtigen Ton trifft, um die Leute mitzunehmen. Krisenbewältigung und Sanierung mache er gut, sagt Aktionärsschützer Nieding. Aber die Anleger werden ungeduldig, möchten auch Perspektiven für die Zeit nach der Sanierung erkennen.

Sie wünschen sich einen Visionär, einen Impulsgeber, einen, der neue Geschäftsfelder aufzeigt. „Es fehlt ein großer Vordenker wie der frühere Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen“, sagt Nieding. Der habe schon fünf Jahre im Voraus gedacht und geplant, habe Branchentrends frühzeitig erkannt. „Davon muss Cryan uns noch überzeugen, dass er da der richtige Mann an der richtigen Stelle ist.“