Berlin

Philip Morris erhitzt Tabak und Gemüter

US-Konzern kämpft mit neuem Zigarettentyp um Marktanteile. Krebsforscherin warnt vor Gefahren

Berlin. Langsam verzieht sich der Rauch. Weltweit stagniert der Zigarettenkonsum, in den westlichen Industriestaaten brechen die Verkaufszahlen ein. Den schwindenden Absatz bei Glimmstängeln will der Tabakkonzern Philip Morris mit einem neuen Produkt ausgleichen. Es ist eine Mischung aus der herkömmlichen und der elektronischen Zigarette: ein System namens iQOS. Erstmals in Deutschland angeboten wird es in zwei Verkaufsstellen, die an diesem Montag eröffnen – eine in Berlin, eine in München.

Rund sechs Millionen Menschen jährlich sterben laut Weltgesundheitsorganisation WHO weltweit an den Folgen des Rauchens, mehr als 120.000 in Deutschland – da kommen die Marlboro-Macher mit einem neuen Zigarettentyp – ein Tabakerhitzer: ein elektronischer Stift, etwas kürzer und dicker als ein Kugelschreiber, optisch nah an einem Laserpointer, mit digitalem Display. In das Gerät eingesetzt werden Tabak­sticks, die – erhitzt auf 200 bis 350 Grad – ein nikotinhaltiges Gas freisetzen, das der Konsument inhaliert.

Dass das nicht gesund ist, weiß der Hersteller und gibt es auch zu: „Es ist wichtig festzustellen, dass iQOS keineswegs unschädlich ist und die Tabaksticks, die damit verwendet werden, Nikotin enthalten und süchtig machen können.“ Ungewiss bleibt, wie gefährlich der Gebrauch ist. Philip Morris will einerseits Hinweise darauf haben, dass im Tabakdampf „90 Prozent weniger Schadstoffe“ als im Rauch einer herkömmlichen Zigarette stecken. Andererseits heißt es, „Rückschlüsse auf das möglicherweise reduzierte Risiko“ seien erst in einigen Jahren möglich, nach Abschluss weiterer Untersuchungen. Seit 2007 habe der Konzern mehr als 3,5 Milliarden Dollar (3,2 Milliarden Euro) in die Entwicklung risikoreduzierter Tabakprodukte gesteckt.

Das sind Kleinigkeiten gegen die Summen, um die es geht in der Branche. Eine Billion Zigaretten pro Jahr umfasst der weltweite Markt. Drei bis fünf Prozent davon, also 30 bis 50 Milliarden Stück, will Philip Morris mittelfristig durch neuartige Produkte wie die Dampfsticks absetzen. Umgerechnet auf Deutschland mit etwa 80 Milliarden verkauften Zigaretten pro Jahr sind das um die 2,5 Milliarden Exemplare, für die neue Konsumenten gesucht werden.

Philip Morris rechnet mit großen Zahlen. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 150 Milliarden Dollar ist der US-Konzern der mit Abstand größte börsennotierte Tabakmulti der Welt. Sieben der weltweit 15 meistverkauften Zigarettenmarken gehören zu Philip Morris, darunter Marlboro, L&M und Chesterfield. Aus einem Nettoumsatz von 26,8 Milliarden Dollar schöpfte der Konzern 2015 knapp elf Milliarden Dollar Gewinn, den größten Teil davon in der Europäischen Union: rund 3,6 Milliarden. In Deutschland ist Philip Morris die Nummer eins. Aktueller Marktanteil: mehr als 37 Prozent.

Doch auch der Branchenprimus wird jedes Jahr etwas schwächer auf der Brust. Seit 2012 geht es abwärts mit den Gewinnen. Werbeverbote, Nichtraucherschutzgesetze, Steuererhöhungen und wachsendes Körperbewusstsein zeigen Wirkung. Rauchen, das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko, ist generell auf dem Rückzug. Schockfotos von krebsbefallenen Lungen, Raucherbeinen und verfaulten Zahnstümpfen haben die jahrzehntelang gepflegte Sonnenuntergangsromantik abgelöst. Auch einige Marlboro-Männer sind am vermeintlichen Duft von Freiheit und Abenteuer gestorben. Stabile Rauchsäulen steigen heute nur noch in den Schwellenländern Asiens auf, vor allem in China.

Im Westen liegt immer häufiger aromatisierter Wasserdampf in der Luft. Die elektrische Zigarette läuft heiß. Der Verband des E-Zigarettenhandels sagt, in Deutschland habe sich die Zahl der Konsumenten binnen fünf Jahren verzehnfacht – von 300.000 in 2010 auf rund drei Millionen in 2015. Philip Morris ergeht es mit der E-Zigarette so ähnlich wie VW mit den E-Autos: Die Entwicklung wurde verschlafen, die Konkurrenz ist weiter. Großkonzerne wie Japan Tobacco International (Camel) und British American Tobacco (Lucky Strike) sind etabliert im deutschen Markt, in dem sich auch etwa 200 kleinere und mittlere nationale Unternehmen tummeln. Im Vergleich zu normalen Zigaretten gilt die E-Variante als weniger schädlich – weil Dampfer eine Flüssigkeit einatmen, nicht ein Verbrennungsgemisch mit 90 krebserregenden Stoffen wie Raucher.

Philip Morris hält am Tabak fest und will Zeitgeist beimischen. Nicht zufällig klingt iQOS ähnlich wie Geräte der Lifestyleweltmacht Apple. Es ist eine Botschaft, frei nach der Devise: Der Marlboro-Cowboy ist tot, es lebe der Hipster. Im Deutschen Krebsforschungszentrum sieht man das mit Sorge. „Das Produkt ist gesundheitlich bedenklich, auch wenn es weniger schädlich als Zigarettenrauch ist“, sagt Martina Pötschke-Langer, Chefin der Stabsstelle Krebsprävention, und fragt: „Warum sollte man freiwillig erhitzten, mit Zusatzstoffen versetzten Tabak inhalieren?“ Die Story vom harmloseren Genuss hält die Ärztin für ein Spiel mit dem Feuer. „Selbstverständlich können auch beim Tabakerhitzen krebserregende Stoffe entstehen.“