Digitalisierung

Dieser Business-Club vernetzt Manager und Gründer

Im neuen Business-Club der Factory Berlin werden Netzwerke geknüpft. Die Industrie kann dort lernen, in neuen Dimensionen zu denken.

Gründer arbeiten im Start-up-Campus Factory Berlin

Gründer arbeiten im Start-up-Campus Factory Berlin

Foto: Factory Berlin / BM

Berlin.  In einem neuen „Business Club“ bringt der Berliner Start-up-Campus Factory die etablierte Wirtschaft und die Gründerszene zusammen. Dazu hat das Unternehmen einen renommierten Strategie-Profi gewonnen. Thomas Andrae sieht sich selbst als Scout, der Beziehungen zwischen Managern und Technologie-Start-ups knüpft. Er soll die Probleme der etablierten Wirtschaft erkennen und unter den schier zahllosen Start-ups die wenigen Projekte identifizieren, die Potenzial für Lösungen bieten.

In Berlin ist die Zahl der Bürogemeinschaften explosionsartig gewachsen, in denen sich Gründer und Kreative Schreibtische teilen, die Coworking Spaces. In einer Google-Karte der Senatswirtschaftsverwaltung werden mehr als 100 solcher Adressen genannt – vom kleinen Büro mit wenigen Tischen bis hin zu Start-up-Fabriken wie MindSpace und WeWork mit mehreren Hundert Plätzen. Coworking ist in Berlin ein Mega-Geschäft geworden. Um die 400 Euro zahlen Start-ups je nach Anbieter für einen festen Schreibtisch, zum Teil sogar mit Bier-Flat, Pizzaparties und Yogakursen. Wer nur einen Quadratmeter Arbeitsplatte für seinen Laptop braucht, ist anderenorts mit ab zehn bis 15 Euro pro Tag dabei.

Factory verkündet das Ende des Coworking Space

Der Startup-Campus Factory hält gegen diesen Trend. „Coworking is ­dead“ lautete die provokative Zeile einer Anzeige des Campus im Tech-Magazin „Wired“. Das irritiert auf den ersten Blick, denn die Factory bietet selbst 16.000 Quadratmeter Bürofläche an, beherbergt 90 Start-ups und hat erst vor wenigen Monaten eine Filiale am Tempelhofer Ufer eröffnet. Das vom Immobilien-Profi Udo Schloemer gegründete Unternehmen will mit weiteren Standorten expandieren, insbesondere in Kreuzberg. „Die Planungen dazu sind teilweise schon weit fortgeschritten“, sagt eine Sprecherin, will aber keine Standorte nennen.

Die Factory-Alternative heißt Mitgliedschaft („Membership“). Sie ist für Start-ups mit einer Gebühr von 50 Euro pro Monat vergleichsweise günstig. Allerdings: Die Mitglieder sind ein handverlesener Club der Gründer-Elite mit einem Potenzial, das für Industriebetriebe wertvoll werden könnte. Wer dazu gehört, hat mit der neuen Campus-Karte unbegrenzt Zugang zu Arbeitsplätzen, Konferenzräumen und Veranstaltungen. Vor allem aber steht Mitgliedern das Netzwerk zu Mittelstand und Industrie offen, deren Firmen für einen Beitrag ab 120.000 Euro im Jahr Mitglieder des exklusiven Business-Club werden können. Dafür erhalten sie Hilfe bei der digitalen Transformation ihrer Geschäfte.

Erfahrener IT-Stratege berät die Wirtschaft

Zu den Partnern zählen eine deutsche Großbank und ein asiatischer Pharmakonzern, die ihre Namen hier noch nicht in der Zeitung lesen wollen. Mit dabei sind Technologieunternehmen wie Google und der Cloud-Anbieter DigitalOcean, die Fluggesellschaft Air Berlin, aber auch Mittelständler, die kaum einer kennt, wie das Lebensmittelunternehmen Gemüsering, das Möhren, Tomaten und Salat anbaut und vermarktet, 450 Millionen Euro Jahresumsatz macht und 850 Menschen beschäftigt.

Für die digitale Transformation solcher Unternehmen ist Thomas Andrae zuständig, der neue Chefstratege der Factory. Der studierte Informatiker und Betriebswirt ist ein hochvernetzter Kenner der internationalen IT-Szene, war zehn Jahre lang als Unternehmens-Strategieberater in den USA und Asien tätig, gründete die Beteiligungsgesellschaft Linden Capital und baute den Wagniskapitalarm des Technologie-Konzerns 3M auf, den er sieben Jahre lang leitete.

Gründer mit Weltmarktpotenzial finden

„Es geht darum, relevante Beziehungen aufzubauen“, sagt Andrae. Auf der einen Seite gilt es, die richtigen Start-ups zu finden. Er muss aus der Unzahl von mehr oder weniger kreativen Ideen die Teams herauszufiltern, die eine einzigartige Idee, das technologische Know-how und die Durchsetzungskraft haben, um das nächsten Unicorn zu bauen – wie Firmen mit Weltmarktpotenzial genannt werden.

Als Beispiel dafür nennt Andrae das Start-up Relayr, das sich als Entwickler von Sensoren für das Internet der Dinge einen Namen gemacht hat. Die Bauteile in der Form einer Schokoladentafel sind unter der Marke „WunderBar“ für 120 bis 200 Euro erhältlich. Zuletzt haben die Berliner ein Investment von elf Millionen Dollar aus dem Silicon Valley erhalten. „Sie haben es verstanden, nicht nur lokale Dinge zu machen sondern global zu denken.“ Sie arbeiten jetzt an einer Cloud-Technologie.

Google-Start-up Nest gilt als Blaupause

Bestes Beispiel für diese Strategie ist nach Andraes Worten das US-Start-up Nest, das zunächst einen Thermostat für Heizungen entwickelt hat und dann von Google für drei Milliarden Dollar gekauft wurde. Dieses Start-up sammelt Energie-Daten aus Zigtausenden Haushalten und verkauft diese an Energieversorger, die mit diesem Wissen ihre Kraftwerke steuern.

Solche Blaupausen für globalen Erfolg sind in Berlin rar. Nur wenige haben den Sprung an die Börse geschafft – wie Zalando und Rocket Internet. Oder einen milliardenschweren Verkauf – wie der Navigationsspezialist „Here“, den ein Konsortium von Audi, BMW und Mercedes dem Handyhersteller Nokia abkaufte – oder Wunderlist, die für 200 Millionen Dollar an Microsoft gingen. Einige wenige wie der Essenslieferdienst Delivery Hero oder der Musikmarktplatz SoundCloud stehen an der Schwelle dorthin. In der dritten Reihe positionieren sich Start-ups mit Potenzial, die Kapital in zweistelliger Millionenhöhe erhalten haben: zum Beispiel das digitale Konto „Number26“, die Fotoplattform EyeEm, der Kunsthändler Juniqe (siehe Kolumne), die Fruchtbarkeits-App Clue oder das bereits genannte Relayr. Und an der Basis arbeiten Tausende Gründer mit viel Enthusiasmus und wenig Geld an Projekten, von denen – je nachdem, wen man fragt – 80 bis 95 Prozent zum Scheitern verurteilt sind.

Auf der Seite der Industrie geht es darum, neue Denkmuster und ein neues Rollenmodell jenseits der bewährten Geschäftsmodelle zu entwickeln und weniger in Quartalskennzahlen zu denken. Die Industrie müsse an den Technologieunternehmen aus dem Silicon Valley lernen, das Ziel der Weltherrschaft im Auge zu behalten. „Das hat die deutsche Industrie noch nicht verstanden“, so Andrae.