Berlin/Panama-City

Die teuerste Abkürzung der Welt

Neun Jahre Bauzeit, 6,85 Milliarden Euro Kosten: Durch den erweiterten Panamakanal passen jetzt Supertanker, die den Welthandel ankurbeln

Berlin/Panama-City. Jude Rodriguez wird Geschichte schreiben. Am kommenden Sonntagmorgen wird der Kapitän sein Schiff im panamaischen Hafen Colon in eine Schleuse steuern, wie er es schon mehrfach mit anderen Schiffen getan hat. Das Besondere: Tausende werden dabei zusehen, unter anderem Panamas Staatschef Juan Carlos Varela: Denn diese Fahrt eröffnet offiziell den neuen Panamakanal. Für Rodriguez ist es „eine Jahrhunderterfahrung“, für die Schifffahrt das Ende langer Umwege. Für die Weltwirtschaft wird es wohl einen Schub geben.

Neun Jahre lang hat ein Konsortium aus spanischen und italienischen Firmen daran gearbeitet, den Panamakanal auszubauen, parallel zum normalen Betrieb. Neue Schleusen sind entstanden, die Strecke durch den Gatúnsee wurde vertieft. Die Seeverbindung zwischen Atlantik und Pazifik wurde 1914 eröffnet, sie sparte Schiffen, die zum Beispiel von New York nach Los Angeles fuhren, gut 13.000 Kilometer Weg um das berüchtigte Kap Hoorn an der Spitze Südamerikas herum. Seit den 90er-Jahren allerdings wurden die Schiffe immer größer und passten häufig nicht mehr durch den Kanal.

„Der Trend geht seit Jahren zu immer größeren Schiffen, weil sie sich günstiger betreiben lassen“, sagt der stellvertretende Chef der Kanalverwaltung ACP, Manuel Benítez. „Darauf mussten wir reagieren, sonst wären wir irgendwann für die Schifffahrtsunternehmen uninteressant geworden.“ Kapitän Rodriguez jedenfalls hätte mit seinem Schiff ums Kap Hoorn gemusst, es ist genau 299.98 Meter lang und 48.25 Meter breit – zuviel für die alten Schleusen des Panamakanals.

Von Montag an ist das panamaische Nadelöhr des Welthandels beseitigt, 100 Schiffe der sogenannten Postpanamax-Klasse, die bisher um Kap Hoorn hätten fahren müssen, haben sich bereits angemeldet. Schiffe dieser Klasse können mit bis zu 14.000 Containern den Kanal befahren. Bislang konnten deutlich kleinere Schiffe nur mit maximal 4400 Containern durch den Kanal.

Das Frachtaufkommen soll sich verdoppeln

„Der neue Kanal wird für Reeder und Logistikunternehmer die Kosten senken und damit auch die Preise für die Endverbraucher drücken“, sagt Benítez. Und er erwartet, dass die Reeder neue Märkte erschließen. „So kann nun Flüssiggas von den Häfen der US-Ostküste schneller und günstiger nach Asien transportiert werden.“ Die entsprechenden Tanker passten bisher nicht durch den Kanal.

35 bis 40 Schiffe werden jeden Tag durch den Panamakanal geschleust. Daran dürfte sich auch durch den Ausbau nichts ändern, doch die Schiffe werden jetzt größer. „Nach der Erweiterung können wir wieder 96 Prozent aller Schiffe weltweit schleusen“, sagt Mónica Martínez von der Kanalverwaltung. „Wir rechnen damit, dass wir den Frachtdurchsatz von derzeit 300 Millionen Tonnen pro Jahr auf 600 Millionen Tonnen verdoppeln können.“ Schon jetzt werden etwa sechs Prozent des Welthandels durch den Kanal abgewickelt, der Wert dürfte deutlich steigen.

Entsprechende Folgen hat der Kanal für den Kontinent. Zahlreiche Städte bauen ihre Häfen aus, damit dort künftig ebenfalls Schiffe der Postpanamax-Klasse anlegen können. Cartagena in Kolumbien investiert 800 Millionen Dollar, Callao in Peru 700 Millionen Dollar und San Antonio in Chile 440 Millionen Dollar. Und sogar in den USA sollen sich die Warenströme verändern. Die Berater der Boston Consulting Group schätzen, dass zehn Prozent der Containerankünfte von der West- an die Ostküste verlagert werden.

Für Panama war der Kanalausbau auch ein riesiges Strukturprogramm. Rund 40.000 Arbeiter waren beschäftigt, Insgesamt wurden 150 Millionen Kubikmeter Erde und Geröll abgeräumt. An den neuen Schleusen an der Atlantik- und Pazifikseite verbauten die Arbeiter zwölf Millionen Tonnen Zement. 192.000 Tonnen Stahl kamen zum Einsatz – das entspricht 19-mal dem Eiffelturm in Paris.

Mindestens 5,25 Milliarden US-Dollar hat das Megaprojekt gekostet. Die Kanalverwaltung streitet sich mit dem Baukonsortium GUPC noch um nachträglich aufgelaufene Zusatzkosten in Höhe von 1,6 Milliarden Dollar. Sollte sich die Firma mit ihren Forderungen durchsetzen, könnte der Ausbau noch einmal deutlich teurer werden. Allerdings bringt der Kanal direkt Milliarden: 2015 nahm die Kanalverwaltung ACP 1,76 Milliarden Euro an Gebühren ein.

Die Eröffnungsfahrt hat ACP bereits Ende April verlost. Die staatliche chinesische Reederei Cosco gewann mit der „Andronikos“, einem Containerschiff, das seit Januar in Dienst ist. Cosco taufte das Schiff flugs um in „Cosco Shipping Panama“, was auch zeigt, wie wichtig die Reedereien den Kanal nehmen. Kapitän Rodriguez stach mit ihr am 11. Juni im griechischen Piräus Richtung Südamerika in See.

Die nächste Erweiterung wird bereits geplant

Am 26. Juni wird er das Schiff in die Agua-Clara-Schleuse am Atlantik steuern. Dort wird das Schiff auf das Niveau des Gatúnsees gehoben – rund 28 Meter über Meereshöhe. Am Nachmittag wird die „Cosco Shipping“ Panama dann die Cocolí-Schleusen im Süden Panamas passieren. Und dann liegt vor ihr der Pazifik. Einen Tag später öffnet der Kanal die neuen Schleusen auch für den normalen Betrieb.

Allerdings ist bereits jetzt absehbar, dass der Ausbau nicht der letzte war. Die Kanalverwaltung ACP hat bereits vorläufige Pläne für einen weiteren. Denn: „Der Welthandel wird weiter zunehmen, und der Panamakanal muss sich immer wieder an diese Entwicklung anpassen“, sagt Vizechef Benítez. „Wenn die Nachfrage nach Schiffspassagen unsere derzeitige Kapazität eines Tages übersteigen sollte, werden wir ein weiteres Schleusensystem bauen.“