Washington

Blutleere Versprechen

Ex-Milliardärin Elizabeth Holmes kämpft gegen Vorwürfe, ihre Firma vermarkte unwirksame Testmethoden

Washington. Zwei Frauen werden in diesem Sommer in Philadelphia auf unterschiedliche Weise das Blut ihrer Zuhörer in Wallung bringen: Nach Hillary Clinton, die Ende Juli zur Präsidentschaftskandidatin ausgerufen wird, stellt sich Amerikas jüngste und umstrittenste Selfmademilliardärin nach schweren Vorwürfen der Öffentlichkeit. Fest steht schon jetzt: Für Theranos-Chefin Elizabeth Holmes (32) stehen die Chancen schlechter, das Parkett unbeschädigt zu verlassen.

Seit ihr aus dem Nichts aufgetauchtes Unternehmen für Blutanalyseverfahren Objekt von staatsanwaltlichen Ermittlungen wegen des Verdachts des Betrugs geworden ist, hat die blonde Studienabbrecherin der Eliteuniversität Stanford einen atemberaubenden Absturz erlebt. Ihr Vermögen schmolz nach Berechnungen des Magazins „Forbes“ von 4,5 Milliarden auf 400 Millionen Dollar. Ihr Kernprodukt, ein revolutionärer Bluttest, gilt als Luftnummer. Die Tests könnten sogar zu Fehlentscheidungen von Ärzten geführt haben. Theranos hat seit vergangenem Herbst über drei Millionen Bluttestergebnisse zurückgezogen – eine beispiellose Rückrufaktion.

Und jetzt hat auch noch ihr einziger großer Geschäftspartner die Nase voll. Der Drogerieketten-Riese Walgreens, der bisher an 40 Standorten in Arizona Theranos-Bluttests anbot, hat die Kooperation abgebrochen. Es sei für alle Beteiligten, insbesondere für die eigenen Kunden, das Beste, erklärte das Unternehmen. Theranos ist damit die zentrale Erlösquelle weggebrochen.

Gleichzeitig wächst der Druck auf Holmes, möglichst bald öffentlich den Nachweis zu führen, dass ihr einst mit neun Milliarden Dollar bewertetes Unternehmen „aus Fehlern lernen kann“, wie US-Medien schreiben. Doch das wird schwer. Denn die Börsenaufsicht SEC und die Staatsanwaltschaft in Kalifornien haben Anzeichen dafür, dass Theranos sein Versprechen, einen soliden, kostengünstigen Bluttest auf den Markt zu bringen, der die Diagnoselandschaft revolutionieren wird, nie halten konnte. Die Methode sei zu schlampig gewesen, heißt es.

In einem ersten Schritt auf dem Weg zur Rufrettung sorgte Holmes dafür, dass mit dem Ex-Manager des Biotechunternehmens Amgen, Fabrizio Bonnani, und dem früheren Leiter der US-Seuchenschutzbehörde CDC, William Foege, medizinischer Sachverstand in das Kontrollgremium einzieht, in dem fachfremde Kaliber wie Ex-Außenminister Henry Kissinger sitzen.

In Philadelphia erwartet Holmes vor der jährlichen Konferenz des Verbandes der klinischen Chemie am
1. August laut Branchenspöttern nicht weniger als die Liveversion der „Hunger Games“, sprich: ein Spießrutenlaufen vor Ärzten, Chemikern und Journalisten. Im Falle des Scheiterns könnte dieser das endgültige Aus für die junge Managerin bedeuten.

Wie man solche Situationen meistert, kann Holmes demnächst vielleicht bei „Hunger Games“-Star Jennifer Lawrence erfahren. Die Oscar-prämierte Hollywoodschauspielerin wird Holmes und deren rasanten Aufstieg wie Abstieg demnächst auf der Leinwand verkörpern. Regisseur ist Adam McKay, der bereits mit „The Big Short“ bewiesen hat, wie man ökonomische Bruchlandungen in Szene setzt – ohne dass Blut fließen muss.