Frankfurt/Main

Geld verlieren mit Bundesanleihen

Die Rendite fällt schon länger – für Papiere mit zehnjähriger Laufzeit ist sie jetzt erstmals negativ. Dennoch sind die Titel stark gefragt

Frankfurt/Main. Für die Börsen ein einschneidendes Ereignis: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ist die Rendite der wichtigen Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit negativ. Das heißt: Wer am Dienstag eine solche Anleihe an der Börse gekauft hat und sie bis zum Ende der Laufzeit hält, verliert Geld. Der Kurs des Papiers ist höher, als die Summe der Zinszahlungen.

Was ist das besondere an der zehnjährigen Bundesanleihe?

Die zehnjährige Bundesanleihe ist das wichtigste Instrument für die Bundesregierung, um ihre Schulden zu finanzieren. Etwa die Hälfte der Schulden des Bundeshaushalts von 1,08 Billionen Euro besteht aus diesen zehn Jahre laufenden Anleihen. Außerdem gilt die zehnjährige Bundesanleihe, die seit Anfang der 60er-Jahre regelmäßig ausgegeben wird, als Orientierungspunkt für andere Staatsanleihen. Die Investoren schätzen an dieser Anleihe, dass sie so liquide ist: Zehnjährige Bundesanleihen von etwa 500 Milliarden Euro sind derzeit im Umlauf, pro Jahr wird das fünffache Volumen gehandelt. Das bedeutet: Eine solche Anleihe kann jederzeit wieder verkauft werden.

Was bedeutet eine negative Rendite?

Die Rendite gibt an, wie viel Geld ein Anleger am Ende der Laufzeit eines Papiers an ihm verdient hat. Dabei werden Kaufkurs, Zinsen und Rücknahmepreis berücksichtigt. Üblicherweise ist die Rendite positiv, am Dienstag hätten Anleger, die eine zehnjährige Bundesanleihe an der Börse kauften und über die gesamte Restlaufzeit halten wollten, allerdings Geld verloren. Die negative Rendite an den Börsen ist ein Hinweis darauf, zu welchen Konditionen die Bundesfinanzagentur die nächste zehnjährige Bundesanleihe ausgeben kann. Denn die Agentur versteigert die Papiere an große Investoren, bevor sie an der Börse gehandelt werden. Bei der letzten Versteigerung Mitte Mai betrug die Rendite 0,14 Prozent.


Warum sind die Zinsen so niedrig?

Die Wirtschaft ist seit der Finanz- und Wirtschaftskrise noch nicht wieder richtig angesprungen. Deshalb haben die Notenbanken weltweit in den vergangenen Jahren die Zinsen stark gesenkt. Außerdem hat etwa die Europäische Zentralbank viel Geld in den Markt gepumpt. So kauft sie seit März 2015 Staatsanleihen am Markt, dadurch sind die Kurse gestiegen und in der Folge die Renditen weiter gefallen. Das billige Geld soll die Unternehmen zu Investitionen anregen, damit die Wirtschaft wieder anspringt.

Warum gelingt es der EZB nicht, die Zinsen nach oben zu treiben?

Die Unternehmen freuen sich zwar, wenn sie günstig investieren können. aber sie wägen ab: Es kommt ihnen nicht nur auf billiges Geld an, auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Wenn aber die Konjunktur noch nicht läuft, dann halten sie sich mit Investitionen zurück, solange, bis sie absehen können, ob diese Investitionen tatsächlich Ertrag bringen könnten.

Warum geben sich Investoren damit zufrieden, Geld zu verlieren?

Die Anleger sorgen sich um die Zukunft der EU. Wenn die Briten sich am Donnerstag nächster Woche für einen EU-Austritt aussprechen sollten, dürften nicht nur die Börsen heftig reagieren. Es könnte zu einer Rezession in Großbritannien und zumindest starken Verwerfungen der Konjunktur im Euroraum, sogar weltweit kommen. Die Anleger suchen den „sicheren Hafen“. Deutsche Staatsanleihen gelten als sehr sichere Anlage, sie genießen die höchste Bonität. Deswegen sind sie bei Investoren weltweit stark gefragt. Und das drückt die Rendite. Schon seit einigen Monaten sind die Renditen der Anleihen bis zehn Jahre negativ, nun ist die zehnjährige hinzugekommen.

Was heißt das für Sparer? Muss er bald negative Zinsen zahlen?

Für ihre Altersvorsorge müssen die Bürger noch mehr zurücklegen, um ihr Sparziel zu erreichen. Auf ihre Spareinlagen bekommen die meisten Bankkunden zwar noch einen Minizins. Doch beginnen viele Banken ihre Verluste bei den Kundeneinlagen mit höheren Gebühren bei anderen Finanzdienstleistungen auszugleichen. Direkt werden viele Privatanleger jetzt auch nicht mehr in Bundesanleihen investieren.