Berlin

Deutschland bewegt sich im digitalen Schneckentempo

Glasfaserausbau gerät ins Stocken – Berlin ist gut versorgt

Berlin. „Der Weg in die Gigabit-Gesellschaft“ ist in Deutschland noch ein sehr weiter – zumindest einer gleichlautenden Untersuchung zufolge. Eine aktuelle Studie des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) im Auftrag des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation zeichnet ein bitteres Bild des Digitalisierungstandards.

Die Kernthese: Deutschland ist bei der Infrastruktur für die schnellen Netze verglichen mit führenden Ländern nur Mittelmaß. Doch für das wirtschaftliche Fortkommen und zukünftige Innovationen sei ein leistungsfähiges Glasfasernetz sehr wichtig. Gehe in Deutschland der Glasfaserausbau im Tempo der letzten beiden Jahre weiter, dauere es noch über 40 Jahre bis zu einer flächendeckenden Versorgung. „Was die Netzabdeckung betrifft, kommt man in Deutschland schnell auf den Begriff der digitalen Schnecke“, sagt Karl Lichtblau vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Dabei will die Regierung dafür sorgen, dass bis 2018 alle Deutschen mit Breitbandinternet ins Netz gehen können. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) stellt den Bundesländern dazu 2,7 Milliarden Euro bereit. In ganz Deutschland soll es in zwei Jahren schnelles Internet für alle geben, mit Anschlüssen, die mindestens 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) übertragen.

Bis dahin ist der Weg jedoch noch weit. So waren Ende 2015 der Studie folgend zwar 70 Prozent der Haushalte in Deutschland mit Anschlüssen von mehr als 50 Mbit pro Sekunde versorgt. Aber nur 59 Prozent der Unternehmen. Im ländlichen Raum liegt der Wert mit 28, beziehungsweise 29 Prozent noch weit darunter. Zudem sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern signifikant.

Probleme gibt es vor allem im ländlichen Bereich

„Stadtstaaten mit einer deutlichen Präsenz von Kabelanbietern oder Stadtwerken wie Hamburg, Bremen und Berlin weisen bei 50 Mbit/s alle eine Mindestversorgungsrate von 90 Prozent auf, während ländlicher geprägte Bundesländer gerade mit Hochdruck dabei sind, ihren Abstand zu den Stadtstaaten zu verringern“, so Andreas Windolph, Teilbereichsleiter Breitband & Intelligente Netze bei TÜV Rheinland. Bestversorgtes Flächenland sei Nordrhein-Westfalen, das auf eine sehr gute Bestandsinfrastruktur bauen könne.

Das Wirtschaftsministerium schätzt das wirtschaftliche Potenzial der Digitalisierung der deutschen Wirtschaft auf 154 Milliarden Euro, was einem BIP-Zuwachs pro Jahr von etwa einem Prozent entspricht. Wenig erstaunlich, dass angesichts solcher Prognosen 60 Prozent der Dienstleistungsunternehmen in Deutschland den Einfluss der Digitalisierung auf ihren Unternehmenserfolg als hoch einschätzen.

Der Studie zufolge investierten im vergangenen Jahr 25 Prozent der Unternehmen mehr als zehn Prozent ihres Gesamtumsatzes in die Digitalisierung. 2020 sollen es schon 37 Prozent der Unternehmen sein. Eine wesentliche Rolle dabei spielen Investitionen in leistungsfähige Übertragungstechnologien. Schnelle, sichere Verbindungen sind gerade auch im mobilen Netz bedeutsam, wo sich viele neue, stark wachsende Unternehmen bewegen.

So wünschenswert ein rasanter Glasfaserausbau aus technologischer Sicht auch wäre – sein Preis ist hoch. Die Telekom rechnet mit 80 Milliarden Euro, die eine deutschlandweite Verlegung von Glasfaser kosten würde. Andere Schätzungen belaufen sich auf 45 Milliarden Euro.