Frankfurt/Main

Jetzt stützt die EZB auch Unternehmen

Die Europäische Zentralbank steigt in Anleihkäufe von Firmen ein – Experten zweifeln am Sinn der Aktion

Frankfurt/Main.  Es ist eine absolute Neuerung: Die Europäische Zentralbank kauft seit vergangener Woche Anleihen von Unternehmen – zusätzlich zum Erwerb von Staatsanleihen am Markt. Anleihen des französischen Energieversorgers Engie, der italienischen Generali und die spanischen Telefonica waren die ersten, die sich die Notenbank ins Depot legte. Die Auswirkungen der avisierten Käufe sind schon seit März zu spüren. Denn da hatte sie ihren Plan angekündigt. Seither haben sich nicht nur die Renditen für Unternehmensanleihen schon halbiert, auch die der Staatsanleihen wurden mitgezogen.

Die EZB kauft nur Anleihen von Unternehmen mit investitionswürdigen Ratingklassen, dem sogenannten „Investment Grade“, der von „AAA“ bis „BBB“ reicht. Die niedrigeren Zinsen sollen die Unternehmen zu Investitionen anregen. So soll die Wirtschaft angekurbelt werden. Und so soll schließlich auch die Inflation wieder steigen – die möchte die EZB bei knapp zwei Prozent sehen. Das ist ihr offizielles Mandat, das sie erfüllen muss. Doch davon ist die Realität weit entfernt.

So kann auch Gertrud Traud den Grund für die Anleihekäufe nicht erkennen, denn die Unternehmen könnten sich bereits sehr günstig finanzieren. Deshalb sei der Schritt weder aus deutscher noch aus europäischer Sicht logisch, meint die Chefvolkswirtin der Helaba, der Landesbank Hessen-Thüringen: „Ich verstehe es nicht.“ Die EZB darf zwar nur bestimmte Anleihen kaufen, eben die von Unternehmen mit guter Bonität. Kleinere Firmen sind davon ausgeschlossen, aber den Effekt spüren auch sie: Generell würden die Renditen von Unternehmensanleihen nach unten gezogen, sagt Dwight Bolden vom Bankhaus Metzler. „Das heißt, die Finanzierung über den Unternehmensanleihenmarkt wird generell billiger.“ Davon spüren jedoch die vielen Firmen nichts, die gar keine Anleihen ausgeben können, weil sie dafür zu klein sind.

Weil die EZB bis zu 70 Prozent einer Emission erwerben kann, bleibt für die anderen Anleger nicht mehr viel übrig. Der Markt „trocknet aus“, ist nicht mehr liquide. Und er ist verzerrt, kritisierte in der vergangenen Woche auch Davoid Folkerts-Landau, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, der diese Entscheidung der EZB als „Akt der Verzweiflung“ bezeichnete. Denn die Geldpolitik wirke eben nicht – trotz der niedrigen Zinsen, der negativen Einlagenzinsen, der Programme zum Aufkauf von Staatsanleihen. Deshalb hofft die Notenbank nun auf einen zusätzlichen Effekt durch den Kauf der Unternehmensanleihen.

„Der Anleger weiß gar nicht mehr, wo wirkliches Risiko ist oder ob die EZB das Risiko überdeckt“, kritisiert Traud. Zudem müsse er, wolle er noch ein wenig Rendite erzielen, immer stärker ins Risiko gehen. Der Sparer, der hingegen sicher Geld anlegen will, muss für diese Sicherheit zahlen – zumindest wenn er in Bundesanleihen bis zu acht Jahren Laufzeit investiert. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fiel erstmals unter mickrige 0,01 Prozent.

Eine weitere Folge: Einige Unternehmen haben die Gunst der Stunde genutzt und schon im Vorfeld der EZB-Käufe kräftig neue Anleihen ausgegeben. Sie können ja sicher sein, dass seit dem vergangenen Mittwoch ein potenter Käufer im Markt ist.