Wirtschaft

Universität 4.0 – in neun Monaten zum Nano-Degree

Jürgen Stüber über die Lernplattform Udacity

Bei der Online-Lernplattform Udacity gibt es keine Diplome, keinen Master- und keinen Bachelor-Abschluss. Udacity verteilt Nano Degrees. Und auch sonst ist vieles anders als an herkömmlichen Bildungsinstitutionen. Udacity ist jetzt in Deutschland mit einem Büro in Berlin an den Start gegangen und sieht sich als eine Art Universität 4.0.

Ausgedacht hat sich das Ganze der deutschstämmige Informatik-Professor Sebastian Thrun, der an der Stanford University lehrt und bei Google Karriere gemacht hat. Er trat 2012 mit dem ambitionierten Anspruch an, das Bildungssystem zu demokratisieren. Jeder sollte zu seinen Vorlesungen über Künstliche Intelligenz Zugang haben, vor allem auch Studenten, die sich Elite-Unis wie Stanford nicht leisten können. 160.000 Studierende in aller Welt absolvierten seinen Kurs. Online-Studenten schnitten übrigens besser ab als Studierende, die in den Hörsaal kamen.

Anfangs verstand sich Udacity als Plattform für solche Moocs – eine Abkürzung für Massive Open Online Course, also offene Online-Kurse für ein großes Publikum. Doch man stellte fest, dass solcherlei Engagement allein zwar politisch anspruchsvoll aber schlecht zu Geld zu machen ist. Erst recht, wenn man didaktische Angebote vorhält, die über den Youtube-Clip der abgefilmten Vorlesung hinausgehen.

Dazu hat Udacity die Nano Degrees erfunden. Sie stehen am Ende eines sechs- bis neunmonatigen Studiums mit zehn Wochenstunden, das Studenten neben ihrem Hauptstudium oder Berufstätige neben ihrer Arbeit bewältigen können. Sie werden in Zusammenarbeit mit Technologie-Unternehmen wie Google, Facebook und GitHub entwickelt.

Die Nano Degrees sind in einzelne Module aufgeteilt, die neben Videos eine Vielzahl interaktiver praktischer Lerneinheiten enthalten, an deren Ende ein Test steht. Die Studierenden stehen in ihren Kohorten (so die offizielle Bezeichnung) über Foren in einem engen Austausch untereinander und mit Tutoren. Sie können bei Problemen auch Einzelsessions mit Lehrkräften buchen.

Besonders beliebt sind Onlinekurse, die zum Data Analyst und Machine Learning Engineer ausbilden. Geplant ist ein Kurs zum Business Analyst, wie der Deutschland-Chef des Unternehmens, Nicolas Dittberner, sagt. Ferner bereitet das Unternehmen unter anderem spezielle Nano-Degree-Abschlüsse in den Bereichen Datensicherheit und Virtual Reality vor. Die Teilnahme an den derzeit zwölf Nano-Degree-Kursen ist nicht billig: Die Gebühr beträgt pro Monat 200 Euro. Es gibt auch weiterhin mehr als 100 kostenlose Weiterbildungsangebote. Die Plattform- und Lehrsprache ist Englisch.

Dittberner begründet die Gebühren mit dem Aufwand, den das Unternehmen bei der Betreuung der Studierenden treibt und vergleicht die Preise mit privat veranstalteten Bootcamps zu ähnlichen Themen, die mitunter fünfstellige Beträge kosten. Die Abschlüsse genießen nach seinen Worten in der Wirtschaft hohes Ansehen.

Sie ist auch die Zielgruppe des Unternehmens, das sein Geschäft mit Investments in Höhe von 160 Millionen US-Dollar (vor allem vom Medienkonzern Bertelsmann und dem Wagniskapitalgeber Andreessen Horowitz) in China, Indien und Deutschland ausbaut. Udacity versteht sich als ihr Dienstleister, der maßgeschneiderte Weiterbildungsthemen für den Arbeitsmarkt im digitalen Wandel entwickelt.

Dittberner plant darüber hinaus, Inhalte neuer Nano Degrees gemeinsam mit Unternehmen zum Beispiel der Automobilindustrie zu entwickeln. Derzeit hat Udacity vier Millionen Nutzer – für Deutschland werden kurz nach dem Start fünfstellige Zahlen genannt.

Das Berliner Start-up Iversity, das gerade einmal 7,3 Millionen Dollar Investorenkapital hat, um sein Geschäftsmodell zu entwickeln, hat einen neuen Mitbewerber erhalten.

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